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Märchenstern - Märchen lesen und erleben
Märchen lesen und erleben

Die zertanzten Schuhe

⏱ Lesedauer: ca. 8 Min.

Das Rätsel der Prinzessinnen

Es war einmal ein König, der hatte zwölf Töchter, eine immer schöner als die andere. Sie schliefen zusammen in einem Saal, wo ihre Betten nebeneinander standen. Abends, wenn sie darin lagen, schloss der König die Tür zu und verriegelte sie. Wenn er aber am Morgen die Tür aufschloss, sah er, dass ihre Schuhe zertanzt waren – und niemand konnte herausbringen, wie das zugegangen war.

Da ließ der König ausrufen: Wer herausfinden könne, wo sie in der Nacht tanzten, der sollte sich eine davon zur Frau wählen und nach seinem Tod König sein. Wer sich aber meldete und es nach drei Tagen und Nächten nicht herausbrachte, der hätte sein Leben verwirkt.

Nicht lange, so meldete sich ein Königssohn und erbot sich, das Wagnis zu unternehmen. Er ward wohl aufgenommen und abends in ein Zimmer geführt, das an den Schlafsaal stieß. Sein Bett war aufgeschlagen, und er sollte Acht haben, wo sie hingingen und tanzten. Damit sie nichts heimlich treiben konnten, war auch die Saaltür offen gelassen.

Dem Königssohn fiel es aber wie Blei auf die Augen, und er schlief ein. Als er am Morgen aufwachte, waren alle zwölf zum Tanz gewesen – denn ihre Schuhe standen da und hatten Löcher in den Sohlen. Den zweiten und dritten Abend ging es nicht anders, und da ward ihm sein Haupt ohne Barmherzigkeit abgeschlagen.

Es kamen hernach noch viele und meldeten sich zu dem Wagestück, aber sie mussten alle ihr Leben lassen.

Der Soldat und die alte Frau

Nun trug es sich zu, dass ein armer Soldat, der eine Wunde hatte und nicht mehr dienen konnte, sich auf dem Weg nach der Stadt befand, wo der König wohnte. Da begegnete ihm eine alte Frau, die fragte ihn, wo er hin wolle.

„Ich weiß selber nicht recht," sprach er, und setzte im Scherz hinzu: „Ich hätte wohl Lust, auszufindig zu machen, wo die Königstöchter ihre Schuhe vertanzen, und danach König zu werden."

„Das ist so schwer nicht," sagte die Alte. „Du musst den Wein nicht trinken, der dir abends gebracht wird, und musst tun, als wärst du fest eingeschlafen." Darauf gab sie ihm ein Mäntelchen und sprach: „Wenn du das umhängst, so bist du unsichtbar und kannst den zwölfen dann nachschleichen."

Wie der Soldat den guten Rat bekommen hatte, wurde es Ernst bei ihm, sodass er ein Herz fasste, vor den König ging und sich als Freier meldete. Er ward so gut aufgenommen wie die anderen auch, und es wurden ihm königliche Kleider angetan.

Der erste Abend

Abends zur Schlafenszeit ward er in das Vorzimmer geführt. Als er zu Bette gehen wollte, kam die älteste Prinzessin und brachte ihm einen Becher Wein. Er hatte sich aber einen Schwamm unter das Kinn gebunden, ließ den Wein da hineinlaufen und trank keinen Tropfen. Dann legte er sich nieder und fing nach einem Weilchen an zu schnarchen, als ob er im tiefsten Schlaf läge.

Das hörten die zwölf Königstöchter, lachten, und die älteste sprach: „Der hätte auch sein Leben sparen können."

Danach standen sie auf, öffneten Schränke, Kisten und Kasten und holten prächtige Kleider heraus. Sie putzten sich vor den Spiegeln, sprangen herum und freuten sich auf den Tanz. Nur die jüngste sagte: „Ich weiß nicht – ihr freut euch, aber mir ist so wunderlich zumute. Gewiss widerfährt uns ein Unglück."

„Du bist eine Schneegans," sagte die älteste, „die sich immer fürchtet. Hast du vergessen, wie viele Königssöhne schon umsonst dagewesen sind? Dem Soldaten hätte ich nicht einmal brauchen einen Schlaftrunk zu geben – der Lümmel wäre doch nicht aufgewacht."

Wie sie alle fertig waren, sahen sie erst nach dem Soldaten: der hatte die Augen zugethan, rührte und regte sich nicht, und sie glaubten nun ganz sicher zu sein.

Der Weg ins unterirdische Schloss

Da ging die älteste an ihr Bett und klopfte daran. Alsbald sank es in die Erde, und sie stiegen durch die Öffnung hinab, eine nach der anderen, die älteste voran.

Der Soldat, der alles mit angesehen hatte, zauderte nicht lange, hängte sein Mäntelchen um und stieg hinter der jüngsten mit hinab. Mitten auf der Treppe trat er ihr ein wenig auf das Kleid. Da erschrak sie und rief: „Was ist das? Wer hält mich am Kleid?"

„Sei nicht so einfältig," sagte die älteste, „du bist an einem Haken hängen geblieben."

Da gingen sie vollends hinab. Wie sie unten waren, standen sie in einem wunderprächtigen Baumgang: alle Blätter waren von Silber und schimmerten und glänzten. Der Soldat dachte: „Du willst dir ein Wahrzeichen mitnehmen." Er brach einen Zweig davon ab – da fuhr ein gewaltiger Krach aus dem Baum.

Die jüngste rief wieder: „Es ist nicht richtig! Habt ihr den Knall gehört?"

Die älteste aber sprach: „Das sind Freudenschüsse, weil wir unsere Prinzen bald erlöst haben."

Sie kamen darauf in einen Baumgang, wo alle Blätter von Gold waren, und endlich in einen dritten, wo sie aus klarem Demant bestanden. Von beiden brach er einen Zweig ab, wobei es jedesmal krachte, sodass die jüngste vor Schrecken zusammenfuhr. Aber die älteste blieb dabei, es wären Freudenschüsse.

Sie gingen weiter und kamen zu einem großen Wasser. Darauf standen zwölf Schifflein, und in jedem Schifflein saß ein schöner Prinz – die hatten auf die zwölf gewartet. Jeder nahm eine zu sich, der Soldat aber setzte sich zu der jüngsten.

Da sprach der Prinz: „Ich weiß nicht, das Schiff ist heute viel schwerer, und ich muss aus allen Kräften rudern, wenn ich es fortbringen soll."

„Wovon sollte das kommen," sprach die jüngste, „als vom warmen Wetter? Es ist mir auch so heiß zumute."

Der Tanz und das Wahrzeichen

Jenseits des Wassers stand ein schönes, hell erleuchtetes Schloss, woraus lustige Musik erschallte von Pauken und Trompeten. Sie ruderten hinüber, traten ein, und jeder Prinz tanzte mit seiner Liebsten. Der Soldat tanzte unsichtbar mit, und wenn eine einen Becher mit Wein hielt, trank er ihn aus, sodass er leer war, wenn sie ihn an den Mund brachte. Der jüngsten ward auch angst darüber, aber die älteste brachte sie immer zum Schweigen.

Sie tanzten bis drei Uhr am anderen Morgen, wo alle Schuhe durchgetanzt waren und sie aufhören mussten. Die Prinzen fuhren sie über das Wasser zurück, und der Soldat setzte sich diesmal vorn zur ältesten. Am Ufer nahmen sie von ihren Prinzen Abschied und versprachen, in der folgenden Nacht wiederzukommen.

Als sie an der Treppe waren, lief der Soldat voraus und legte sich in sein Bett. Als die zwölf langsam und müde heraufgetrippelt kamen, schnarchte er schon wieder so laut, dass sie es alle hören konnten, und sie sprachen: „Vor dem sind wir sicher."

Da taten sie ihre schönen Kleider aus, stellten die zertanzten Schuhe unter das Bett und legten sich nieder.

Die Entdeckung

Am anderen Morgen wollte der Soldat nichts sagen, sondern das wunderliche Wesen noch mit ansehen. Er ging die zweite und die dritte Nacht wieder mit. Da war alles wie das erste Mal, und sie tanzten jedesmal, bis die Schuhe entzwei waren.

Das dritte Mal aber nahm er zum Wahrzeichen einen Becher mit.

Als die Stunde gekommen war, wo er antworten sollte, steckte er die drei Zweige und den Becher zu sich und ging vor den König. Die zwölfe aber standen hinter der Tür und horchten, was er sagen würde.

Als der König die Frage tat: „Wo haben meine zwölf Töchter ihre Schuhe in der Nacht vertanzt?", antwortete er: „Mit zwölf Prinzen in einem unterirdischen Schloss." Er berichtete, wie es zugegangen war, und holte die Wahrzeichen hervor.

Da ließ der König seine Töchter kommen und fragte sie, ob der Soldat die Wahrheit gesagt hätte. Da sie sahen, dass sie verraten waren und Leugnen nichts half, mussten sie alles eingestehen.

Darauf fragte ihn der König, welche er zur Frau haben wolle. Er antwortete: „Ich bin nicht mehr jung, so gebt mir die älteste."

Da ward noch an selbigem Tage die Hochzeit gehalten und ihm das Reich nach des Königs Tod versprochen. Aber die Prinzen wurden auf so viele Tage wieder verwünscht, wie sie Nächte mit den zwölfen getanzt hatten.