Autor: Gebrüder Grimm
60.
Der Goldvogel und die hungrigen Zwillinge
Es waren einmal zwei Brüder, ein reicher und ein armer. Der reiche war ein Goldschmied und böse von Herzen. Der arme nährte sich davon, dass er Besen band, und war gut und redlich. Der arme hatte zwei Kinder, das waren Zwillingsbrüder und sich so ähnlich wie ein Tropfen Wasser dem anderen. Die zwei Knaben gingen in des Reichen Haus ab und zu und erhielten von dem Abfall manchmal etwas zu essen.
Es trug sich zu, dass der arme Mann, als er in den Wald ging, um Reisig zu holen, einen Vogel sah, der ganz golden war und so schön, wie ihm noch niemals einer vor Augen gekommen war. Da hob er ein Steinchen auf, warf nach ihm und traf ihn auch glücklich. Es fiel aber nur eine goldene Feder herab, und der Vogel flog fort. Der Mann nahm die Feder und brachte sie seinem Bruder. Der sah sie an und sprach:
, und gab ihm viel Geld dafür.
Am anderen Tag stieg der Mann auf einen Birkenbaum und wollte ein paar Äste abhauen. Da flog derselbe Vogel heraus, und als der Mann nachsuchte, fand er ein Nest, und ein Ei lag darin, das war von Gold. Er nahm das Ei mit heim und brachte es seinem Bruder, der sprach wiederum:
, und gab ihm, was es wert war.
Zuletzt sagte der Goldschmied:
Der Arme ging zum dritten Mal in den Wald und sah den Goldvogel wieder auf dem Baum sitzen. Da nahm er einen Stein, warf ihn herunter und brachte ihn seinem Bruder. Der gab ihm einen großen Haufen Gold dafür.
, dachte er und ging zufrieden nach Haus.
Der Goldschmied war klug und listig und wusste wohl, was das für ein Vogel war. Er rief seine Frau und sprach:
Der Vogel war aber kein gewöhnlicher, sondern so wunderbarer Art, dass wer Herz und Leber von ihm aß, jeden Morgen ein Goldstück unter seinem Kopfkissen fand.
Die Frau machte den Vogel zurecht, steckte ihn an einen Spieß und ließ ihn braten. Nun geschah es, dass während er am Feuer stand und die Frau anderer Arbeiten wegen notwendig aus der Küche gehen musste, die zwei Kinder des armen Besenbinders hereinliefen, sich vor den Spieß stellten und ihn ein paarmal herumdrehten. Und als da gerade zwei Stückchen aus dem Vogel in die Pfanne herabfielen, sprach der eine:
Da aßen sie beide die Stückchen auf.
Die Frau kam aber dazu, sah, dass sie etwas aßen, und sprach:
, antworteten sie.
, sprach die Frau ganz erschrocken. Damit ihr Mann nichts vermisste und nicht böse wurde, schlachtete sie geschwind ein Hähnchen, nahm Herz und Leber heraus und legte es zu dem Goldvogel. Als er gar war, trug sie ihn dem Goldschmied auf, der ihn ganz allein verzehrte und nichts übrig ließ. Am anderen Morgen aber, als er unter sein Kopfkissen griff und dachte, das Goldstück hervorzuholen, war so wenig wie sonst eins zu finden.
Vertrieben im Wald
Die beiden Kinder aber wussten nicht, was ihnen für ein Glück zuteilgeworden war. Am anderen Morgen, wie sie aufstanden, fiel etwas auf die Erde und klingelte. Als sie es aufhoben, da waren es zwei Goldstücke. Sie brachten sie ihrem Vater, der wunderte sich und sprach:
Als sie aber am anderen Morgen wieder zwei fanden, und so jeden Tag, ging er zu seinem Bruder und erzählte ihm die seltsame Geschichte.
Der Goldschmied merkte gleich, wie es gekommen war und dass die Kinder Herz und Leber von dem Goldvogel gegessen hatten. Um sich zu rächen, und weil er neidisch und hartherzig war, sprach er zu dem Vater:
Der Vater fürchtete den Bösen, und so schwer es ihm ankam, führte er doch die Zwillinge hinaus in den Wald und verließ sie dort mit traurigem Herzen.
Nun liefen die zwei Kinder im Wald umher und suchten den Weg nach Haus, konnten ihn aber nicht finden, sondern verirrten sich immer weiter. Endlich begegneten sie einem Jäger, der fragte:
, antworteten sie und erzählten ihm, dass ihr Vater sie nicht länger im Hause hätte behalten wollen, weil alle Morgen ein Goldstück unter ihrem Kopfkissen läge.
, sagte der Jäger,
Der gute Mann, weil ihm die Kinder gefielen und er selbst keine hatte, nahm sie mit nach Haus und sprach:
Sie lernten bei ihm die Jägerei, und das Goldstück, das ein jeder beim Aufstehen fand, das hob er ihnen auf, wenn sie es in Zukunft nötig hätten.
Der Probeschuss und die treuen Tiere
Als sie herangewachsen waren, nahm sie ihr Pflegevater eines Tages mit in den Wald und sprach:
Sie gingen mit ihm auf den Anstand und warteten lange, aber es kam kein Wild. Der Jäger sah über sich und sah eine Kette von Schneegänsen in der Gestalt eines Dreiecks fliegen. Da sagte er zu dem einen:
Der tat es und vollbrachte damit seinen Probeschuss.
Bald darauf kam noch eine Kette angeflogen und hatte die Gestalt der Ziffer Zwei. Da hieß der Jäger den anderen gleichfalls von jeder Ecke eine herunterholen, und dem gelang sein Probeschuss auch. Nun sagte der Pflegevater:
Darauf gingen die zwei Brüder zusammen in den Wald, ratschlagten miteinander und verabredeten etwas. Und als sie abends sich zum Essen niedergesetzt hatten, sagten sie zu ihrem Pflegevater:
Sprach er:
Sie antworteten:
Da sprach der Alte mit Freuden:
Darauf aßen und tranken sie fröhlich zusammen.
Als der bestimmte Tag kam, schenkte der Pflegevater jedem eine gute Büchse und einen Hund und ließ jeden von seinen gesparten Goldstücken nehmen, so viel er wollte. Darauf begleitete er sie ein Stück Wegs, und beim Abschied gab er ihnen noch ein blankes Messer und sprach:
Die zwei Brüder gingen immer weiter fort und kamen in einen Wald, der so groß war, dass sie unmöglich an einem Tag heraus konnten. Also blieben sie die Nacht darin und aßen, was sie in die Jägertasche gesteckt hatten. Sie gingen aber auch noch den zweiten Tag und kamen nicht heraus.
Da sie nichts zu essen hatten, sprach der eine:
, lud seine Büchse und sah sich um. Und als ein alter Hase dahergelaufen kam, legte er an, aber der Hase rief:
Er sprang auch gleich ins Gebüsch und brachte zwei Junge. Die Tierlein spielten aber so munter und waren so artig, dass die Jäger es nicht übers Herz bringen konnten, sie zu töten. Sie behielten sie also bei sich, und die kleinen Hasen folgten ihnen auf dem Fuße nach.
Bald darauf schlich ein Fuchs vorbei. Den wollten sie niederschießen, aber der Fuchs rief:
Er brachte auch zwei Füchslein, und die Jäger mochten sie auch nicht töten, gaben sie den Hasen zur Gesellschaft, und sie folgten ihnen nach.
Nicht lange, so schritt ein Wolf aus dem Dickicht. Die Jäger legten auf ihn an, aber der Wolf rief:
Die zwei jungen Wölfe taten die Jäger zu den anderen Tieren, und sie folgten ihnen nach. Darauf kam ein Bär, der wollte gern noch länger herumtraben und rief:
Die zwei jungen Bären wurden zu den anderen gesellt, und es waren ihrer schon acht.
Endlich, wer kam? Ein Löwe kam und schüttelte seine Mähne. Aber die Jäger ließen sich nicht schrecken und zielten auf ihn. Der Löwe sprach gleichfalls:
Er holte auch seine Jungen herbei, und nun hatten die Jäger zwei Löwen, zwei Bären, zwei Wölfe, zwei Füchse und zwei Hasen, die ihnen nachzogen und dienten. Indessen war ihr Hunger damit nicht gestillt worden, da sprachen sie zu den Füchsen:
Sie antworteten:
Da gingen sie ins Dorf, kauften sich etwas zu essen und ließen auch ihren Tieren Futter geben, und zogen dann weiter. Die Füchse aber wussten guten Bescheid in der Gegend, wo die Hühnerhöfe waren, und konnten die Jäger überall zurechtweisen.
Die Spaltung am Scheideweg
Nun zogen sie eine Weile herum, konnten aber keinen Dienst finden, wo sie zusammengeblieben wären. Da sprachen sie:
Sie teilten die Tiere, sodass jeder einen Löwen, einen Bären, einen Wolf, einen Fuchs und einen Hasen bekam. Dann nahmen sie Abschied, versprachen sich brüderliche Liebe bis in den Tod und stießen das Messer, das ihnen ihr Pflegevater mitgegeben hatte, in einen Baum. Worauf der eine nach Osten, der andere nach Westen zog.
Der Drachenberg und das Schwert
Der jüngste aber kam mit seinen Tieren in eine Stadt, die war ganz mit schwarzem Flor überzogen. Er ging in ein Wirtshaus und fragte den Wirt, ob er nicht seine Tiere herbergen könnte. Der Wirt gab ihnen einen Stall, wo in der Wand ein Loch war. Da kroch der Hase hinaus und holte sich ein Kohlhaupt, und der Fuchs holte sich ein Huhn, und als er das gefressen hatte, auch den Hahn dazu. Der Wolf aber, der Bär und der Löwe, weil sie zu groß waren, konnten nicht hinaus. Da ließ sie der Wirt hinbringen, wo eben eine Kuh auf dem Rasen lag, dass sie sich satt fraßen.
Als der Jäger für seine Tiere gesorgt hatte, fragte er den Wirt, warum die Stadt so mit Trauerflor ausgehängt wäre. Sprach der Wirt:
Fragte der Jäger:
, antwortete der Wirt,
, fragte der Jäger.
Sprach der Jäger:
, antwortete der Wirt,
Der Jäger sagte dazu weiter nichts. Aber am anderen Morgen nahm er seine Tiere und stieg mit ihnen auf den Drachenberg. Da stand oben eine kleine Kirche, und auf dem Altar standen drei gefüllte Becher, und dabei war die Schrift:
Der Jäger trank da noch nicht, ging hinaus und suchte das Schwert in der Erde, vermochte aber nicht, es von der Stelle zu bewegen. Da ging er hin und trank die Becher aus und war nun stark genug, das Schwert aufzunehmen, und seine Hand konnte es ganz leicht führen.
Als die Stunde kam, wo die Jungfrau dem Drachen sollte ausgeliefert werden, begleitete sie der König, der Marschall und die Hofleute hinaus. Sie sah von Weitem den Jäger oben auf dem Drachenberg und meinte, der Drache stände da und erwartete sie, und wollte nicht hinaufgehen. Endlich aber, weil die ganze Stadt sonst verloren gewesen wäre, musste sie den schweren Gang tun. Der König und die Hofleute kehrten voll großer Trauer heim, des Königs Marschall aber sollte stehen bleiben und aus der Ferne alles mitansehen.
Der Kampf gegen den siebenköpfigen Drachen
Als die Königstochter oben auf den Berg kam, stand da nicht der Drache, sondern der junge Jäger. Der sprach ihr Trost ein und sagte, er wollte sie retten, führte sie in die Kirche und verschloss sie darin.
Gar nicht lange, so kam mit großem Gebraus der siebenköpfige Drache dahergefahren. Als er den Jäger erblickte, wunderte er sich und sprach:
Der Jäger antwortete:
Sprach der Drache:
, und atmete Feuer aus sieben Rachen.
Das Feuer sollte das trockene Gras anzünden, und der Jäger sollte in der Glut und dem Dampf ersticken. Aber die Tiere kamen herbeigelaufen und traten das Feuer aus. Da fuhr der Drache gegen den Jäger, aber er schwang sein Schwert, dass es in der Luft sang, und schlug ihm drei Köpfe ab.
Da wurde der Drache erst recht wütend, erhob sich in die Luft, spie die Feuerflammen über den Jäger aus und wollte sich auf ihn stürzen. Aber der Jäger zückte nochmals sein Schwert und hieb ihm wieder drei Köpfe ab. Das Untier wurde matt und sank nieder, und wollte doch wieder auf den Jäger los. Aber er schlug ihm mit der letzten Kraft den Schweif ab. Weil er nicht mehr kämpfen konnte, rief er seine Tiere herbei, die zerrissen es in Stücke.
Als der Kampf zu Ende war, schloss der Jäger die Kirche auf und fand die Königstochter auf der Erde liegen, weil ihr die Sinne vor Angst und Schrecken während des Streites vergangen waren. Er trug sie heraus. Als sie wieder zu sich selbst kam und die Augen aufschlug, zeigte er ihr den zerrissenen Drachen und sagte ihr, dass sie nun erlöst wäre.
Sie freute sich und sprach:
Darauf hängte sie ihr Halsband von Korallen ab und verteilte es unter die Tiere, um sie zu belohnen, und der Löwe erhielt das goldene Schlösschen davon. Ihr Taschentuch aber, in dem ihr Name stand, schenkte sie dem Jäger. Der ging hin und schnitt aus den sieben Drachenköpfen die Zungen heraus, wickelte sie in das Tuch und verwahrte sie wohl.
Der tiefe Schlaf und der Verrat
Als das geschehen war, weil er von dem Feuer und dem Kampf so matt und müde war, sprach er zur Jungfrau:
Da sagte sie Ja, und sie ließen sich auf die Erde nieder. Der Jäger sprach zu dem Löwen:
, und beide schliefen ein.
Der Löwe legte sich neben sie, um zu wachen. Aber er war vom Kampf auch so müde, dass er den Bären rief und sprach:
Da legte sich der Bär neben ihn. Aber er war auch müde und rief den Wolf und sprach:
Da legte sich der Wolf neben ihn. Aber er war auch müde und rief den Fuchs und sprach:
Da legte sich der Fuchs neben ihn. Aber er war auch müde, rief den Hasen und sprach:
Da setzte sich der Hase neben ihn. Aber der arme Hase war auch müde und hatte niemanden, den er zur Wache herbeirufen konnte, und schlief ein.
Da schliefen nun die Königstochter, der Jäger, der Löwe, der Bär, der Wolf, der Fuchs und der Hase, und schliefen alle einen festen Schlaf.
Der Marschall aber, der von Weitem hatte zuschauen sollen, als er den Drachen nicht mit der Jungfrau fortfliegen sah und alles auf dem Berg ruhig wurde, nahm sich ein Herz und stieg hinauf. Da lag der Drache zerstückt und zerrissen auf der Erde und nicht weit davon die Königstochter und ein Jäger mit seinen Tieren, die alle in tiefen Schlaf versunken waren.
Weil er böse und gottlos war, nahm er sein Schwert, hieb dem Jäger das Haupt ab, fasste die Jungfrau auf den Arm und trug sie den Berg hinab. Da erwachte sie und erschrak, aber der Marschall sprach:
, antwortete sie,
Da zog er sein Schwert und drohte, sie zu töten, wo sie ihm nicht gehorchte, und zwang sie damit, dass sie es versprach.
Darauf brachte er sie vor den König, der sich vor Freuden nicht zu lassen wusste, als er sein liebes Kind wieder lebend erblickte, das er von dem Untier zerrissen glaubte. Der Marschall sprach zu ihm:
Der König fragte die Jungfrau:
, antwortete sie,
, denn sie dachte in der Zeit etwas von ihrem lieben Jäger zu hören.
Die Auferstehung
Auf dem Drachenberg aber lagen noch die Tiere neben ihrem toten Herrn und schliefen. Da kam eine große Hummel und setzte sich dem Hasen auf die Nase, aber der Hase wischte sie mit der Pfote ab und schlief weiter. Die Hummel kam zum zweiten Mal, aber der Hase wischte sie wieder ab und schlief fort. Da kam sie zum dritten Mal und stach ihm in die Nase, dass er aufwachte.
Sobald der Hase wach war, weckte er den Fuchs, und der Fuchs den Wolf, und der Wolf den Bär, und der Bär den Löwen. Und als der Löwe aufwachte und sah, dass die Jungfrau fort war und sein Herr tot, fing er an fürchterlich zu brüllen und rief:
Der Bär fragte den Wolf:
und der Wolf den Fuchs:
und der Fuchs den Hasen:
Der arme Hase wusste allein nichts zu antworten, und die Schuld blieb auf ihm hängen. Da wollten sie über ihn herfallen, aber er bat und sprach:
Sprach der Löwe:
Da sprang der Hase fort, und in vierundzwanzig Stunden war er zurück und brachte die Wurzel mit. Der Löwe setzte dem Jäger den Kopf wieder an, und der Hase steckte ihm die Wurzel in den Mund. Alsbald fügte sich alles wieder zusammen, das Herz schlug und das Leben kehrte zurück.
Da erwachte der Jäger und erschrak, als er die Jungfrau nicht mehr sah, und dachte:
Der Löwe hatte in der großen Eile seinem Herrn den Kopf verkehrt aufgesetzt. Der aber merkte es nicht bei seinen traurigen Gedanken an die Königstochter. Erst zu Mittag, als er etwas essen wollte, sah er, dass ihm der Kopf nach dem Rücken zu stand. Er konnte es nicht begreifen und fragte die Tiere, was ihm im Schlaf widerfahren wäre. Da erzählte ihm der Löwe, dass sie auch alle aus Müdigkeit eingeschlafen wären und beim Erwachen hätten sie ihn tot gefunden mit abgeschlagenem Haupte; der Hase hätte die Lebenswurzel geholt, er aber in der Eile den Kopf verkehrt gehalten; doch wollte er seinen Fehler wieder gutmachen. Dann riss der Löwe dem Jäger den Kopf wieder ab, drehte ihn herum, und der Hase heilte ihn mit der Wurzel fest.
Der scharlachrote Empfang
Der Jäger aber war traurig, zog in der Welt herum und ließ seine Tiere vor den Leuten tanzen. Es trug sich zu, dass er gerade nach Verlauf eines Jahres wieder in dieselbe Stadt kam, wo er die Königstochter vom Drachen erlöst hatte. Und die Stadt war diesmal ganz mit rotem Scharlach ausgehängt.
Da sprach er zum Wirt:
Der Wirt antwortete:
Am anderen Tag, wo die Hochzeit sein sollte, sprach der Jäger um Mittagszeit zum Wirt:
, sprach der Wirt,
Der Jäger nahm die Wette an und setzte einen Beutel mit ebenso vielen Goldstücken dagegen.
Dann rief er den Hasen und sprach:
Nun war das Häslein das geringste und konnte es keinem anderen wieder auftragen, sondern musste sich selbst auf die Beine machen.
, dachte es,
Wie es dachte, so geschah es auch, und die Hunde kamen hinter ihm her und wollten ihm sein gutes Fell flicken. Es sprang aber, hast du nicht gesehen, und flüchtete sich in ein Schilderhaus, ohne dass es der Soldat gewahr wurde. Da kamen die Hunde und wollten es heraushaben, aber der Soldat verstand keinen Spaß und schlug mit dem Kolben dazwischen, dass sie schreiend und heulend fortliefen.
Als der Hase merkte, dass die Luft rein war, sprang er zum Schloss hinein und gerade zur Königstochter, setzte sich unter ihren Stuhl und kratzte sie am Fuß. Da sagte sie:
, und meinte, es wäre ihr Hund. Der Hase kratzte zum zweiten Mal am Fuß, da sagte sie wieder:
, und meinte, es wäre ihr Hund. Aber der Hase ließ sich nicht irremachen und kratzte zum dritten Mal. Da guckte sie herab und erkannte den Hasen an seinem Halsband. Nun nahm sie ihn auf ihren Schoß, trug ihn in ihre Kammer und sprach:
Antwortete er:
Da war sie voll Freude und ließ den Bäcker kommen und befahl ihm, ein Brot zu bringen, wie es der König aß. Sprach das Häslein:
Der Bäcker trug es ihm bis an die Türe der Wirtsstube. Da stellte sich der Hase auf die Hinterbeine, nahm alsbald das Brot in die Vorderpfoten und brachte es seinem Herrn.
Da sprach der Jäger:
Der Wirt wunderte sich, aber der Jäger sagte weiter:
Der Wirt sagte:
, aber wetten wollte er nicht mehr.
Rief der Jäger den Fuchs und sprach:
Der Rotfuchs kannte die Schliche besser. Er ging an den Ecken und durch die Winkel, ohne dass ihn ein Hund sah, setzte sich unter der Königstochter Stuhl und kratzte an ihrem Fuß. Da sah sie herab und erkannte den Fuchs am Halsband, nahm ihn mit in ihre Kammer und sprach:
Antwortete er:
Da ließ sie den Koch kommen. Der musste einen Braten, wie ihn der König aß, anrichten und dem Fuchs bis an die Türe tragen. Da nahm ihm der Fuchs die Schüssel ab, wedelte mit seinem Schwanz erst die Fliegen weg, die sich auf den Braten gesetzt hatten, und brachte ihn dann seinem Herrn.
, sprach der Jäger,
Da rief er den Wolf und sprach:
Da ging der Wolf geradezu ins Schloss, weil er sich vor niemandem fürchtete. Und als er in der Königstochter Zimmer kam, da zupfte er sie hinten am Kleid, dass sie sich umschauen musste. Sie erkannte ihn am Halsband, nahm ihn mit in ihre Kammer und sprach:
Antwortete er:
Da ließ sie den Koch kommen, der musste ein Gemüse bereiten, wie es der König aß, und musste es dem Wolf bis vor die Türe tragen. Da nahm ihm der Wolf die Schüssel ab und brachte sie seinem Herrn.
, sprach der Jäger,
Rief er den Bären und sprach:
Da trabte der Bär nach dem Schlosse, und es ging ihm jedermann aus dem Wege. Als er aber zu der Wache kam, hielt sie die Flinten vor und wollte ihn nicht ins königliche Schloss lassen. Aber er hob sich in die Höhe und gab mit seinen Tatzen links und rechts ein paar Ohrfeigen, dass die ganze Wache zusammenfiel. Darauf ging er geradewegs zu der Königstochter, stellte sich hinter sie und brummte ein wenig. Da schaute sie rückwärts, erkannte den Bären, hieß ihn mitgehen in ihre Kammer und sprach:
Antwortete er:
Da ließ sie den Zuckerbäcker kommen. Der musste Zuckerwerk backen, wie es der König aß, und dem Bären vor die Türe tragen. Da leckte der Bär erst die Zuckererbsen auf, die heruntergerollt waren, dann stellte er sich aufrecht, nahm die Schüssel und brachte sie seinem Herrn.
, sprach der Jäger,
Er rief seinen Löwen herbei und sprach:
Da schritt der Löwe über die Straße, und die Leute liefen vor ihm. Als er an die Wache kam, wollte sie den Weg sperren, aber er brüllte nur einmal, so sprang alles fort. Nun ging der Löwe vor das königliche Zimmer und klopfte mit seinem Schweif an die Türe. Da kam die Königstochter heraus und wäre fast über den Löwen erschrocken, aber sie erkannte ihn an dem goldenen Schloss von ihrem Halsbande, hieß ihn mit in ihre Kammer gehen und sprach:
Antwortete er:
Da ließ sie den Mundschenk kommen, der sollte dem Löwen Wein geben, wie ihn der König tränke.
Sprach der Löwe:
Da ging er mit dem Mundschenk hinab. Als sie unten hinkamen, wollte ihm dieser von dem gewöhnlichen Wein zapfen, wie ihn des Königs Diener tranken, aber der Löwe sprach:
, zapfte sich ein halbes Maß und schluckte es auf einmal hinab.
, sagte er,
Der Mundschenk sah ihn schief an, ging aber und wollte ihm aus einem anderen Fass geben, das für des Königs Marschall war. Sprach der Löwe:
, zapfte sich ein halbes Maß und trank es.
Da wurde der Mundschenk böse und sprach:
Aber der Löwe gab ihm einen Schlag hinter die Ohren, dass er unsanft zur Erde fiel. Als er sich wieder aufgerichtet hatte, führte er den Löwen ganz stillschweigend in einen kleinen, besonderen Keller, wo des Königs Wein lag, von dem sonst kein Mensch zu trinken bekam. Der Löwe zapfte sich erst ein halbes Maß und versuchte den Wein. Dann sprach er:
, und hieß den Mundschenk sechs Flaschen füllen. Nun stiegen sie herauf. Als der Löwe aber aus dem Keller ins Freie kam, schwankte er hin und her und war ein wenig trunken. Der Mundschenk musste ihm den Wein bis vor die Türe tragen, da nahm der Löwe den Henkelkorb in das Maul und brachte ihn seinem Herrn.
Sprach der Jäger:
, und setzte sich hin, aß und trank und gab dem Hasen, dem Fuchs, dem Wolf, dem Bär und dem Löwen auch davon zu essen und zu trinken, und war guter Dinge, denn er sah, dass ihn die Königstochter noch lieb hatte.
Und als er Mahlzeit gehalten hatte, sprach er:
Fragte der Wirt:
Da zog der Jäger das Taschentuch heraus, das ihm die Königstochter auf dem Drachenberg gegeben hatte, und worin die sieben Zungen des Untiers eingewickelt waren, und sprach:
Da sah der Wirt das Tuch an und sprach:
Der Jäger aber nahm einen Beutel mit tausend Goldstücken, stellte ihn auf den Tisch und sagte:
Die Entlarvung des Marschalls
Nun sprach der König an der königlichen Tafel zu seiner Tochter:
Da antwortete sie:
Der König schickte einen Diener ins Wirtshaus und ließ den fremden Mann einladen. Und der Diener kam gerade, als der Jäger mit dem Wirt gewettet hatte. Da sprach er:
Und zu dem Diener sagte er:
Als der König die Antwort hörte, sprach er zu seiner Tochter:
Sagte sie:
Da schickte der König königliche Kleider, einen Wagen mit sechs Pferden und Diener, die ihm aufwarten sollten.
Als der Jäger sie kommen sah, sprach er:
, und zog die königlichen Kleider an, nahm das Tuch mit den Drachenzungen und fuhr zum König. Als ihn der König kommen sah, sprach er zu seiner Tochter:
Antwortete sie:
Da ging ihm der König entgegen und führte ihn herauf, und seine Tiere folgten ihm nach.
Der König wies ihm einen Platz an neben sich und seiner Tochter. Der Marschall saß auf der anderen Seite als Bräutigam, aber der kannte ihn nicht mehr. Nun wurden gerade die sieben Häupter des Drachen zur Schau aufgetragen, und der König sprach:
Da stand der Jäger auf, öffnete die sieben Rachen und sprach:
Da erschrak der Marschall, wurde bleich und wusste nicht, was er antworten sollte. Endlich sagte er in der Angst:
Sprach der Jäger:
, und wickelte das Tuch auf: Da lagen sie alle siebene darin. Und dann steckte er jede Zunge in den Rachen, in den sie gehörte, und sie passte genau.
Darauf nahm er das Tuch, in welches der Name der Königstochter gestickt war, zeigte es der Jungfrau und fragte sie, wem sie es gegeben hätte. Da antwortete sie:
Und dann rief er sein Getier, nahm jedem das Halsband und dem Löwen das goldene Schloss ab, zeigte es der Jungfrau und fragte, wem es angehörte. Antwortete sie:
Da sprach der Jäger:
Und dann erzählte er, wie ihn seine Tiere durch eine wunderbare Wurzel geheilt hätten und dass er ein Jahr lang mit ihnen herumgezogen und endlich wieder hierhergekommen wäre, wo er den Betrug des Marschalls durch die Erzählung des Wirtes erfahren hätte.
Da fragte der König seine Tochter:
Da antwortete sie:
Da ließ der König zwölf Ratsherren rufen, die sollten über den Marschall Urteil sprechen. Und die urteilten, dass er von vier Ochsen zerrissen werden müsste. Also wurde der Marschall gerichtet. Der König aber übergab seine Tochter dem Jäger und ernannte ihn zu seinem Statthalter im ganzen Reich. Die Hochzeit wurde mit großen Freuden gefeiert, und der junge König ließ seinen Vater und Pflegevater holen und überhäufte sie mit Schätzen. Den Wirt vergaß er auch nicht, ließ ihn kommen und sprach zu ihm:
Sprach der Wirt:
Der junge König aber sagte:
Versteinert im Zauberwald
Nun waren der junge König und die junge Königin guter Dinge und lebten vergnügt zusammen. Er zog oft hinaus auf die Jagd, weil das seine Freude war, und die treuen Tiere mussten ihn begleiten.
Es lag aber in der Nähe ein Wald, von dem hieß es, er wäre nicht geheuer, und wäre einer erst darin, so käme er nicht leicht wieder heraus. Der junge König hatte aber große Lust, darin zu jagen, und ließ dem alten König keine Ruhe, bis er es ihm erlaubte.
Nun ritt er mit einer großen Begleitung aus. Als er zu dem Wald kam, sah er eine schneeweiße Hirschkuh darin und sprach zu seinen Leuten:
, und ritt ihr nach in den Wald hinein, und nur seine Tiere folgten ihm.
Die Leute hielten und warteten bis zum Abend, aber er kam nicht wieder. Da ritten sie heim und erzählten der jungen Königin:
Da war sie in großer Besorgnis um ihn.
Er war aber dem schönen Wild immer nachgeritten und konnte es niemals einholen. Wenn er meinte, es wäre schussgerecht, so sah er es gleich wieder in weiter Ferne dahinspringen, und endlich verschwand es ganz. Nun merkte er, dass er tief in den Wald hineingeraten war. Er nahm sein Horn und blies, aber er bekam keine Antwort, denn seine Leute konnten es nicht hören. Und da auch die Nacht einbrach, sah er, dass er diesen Tag nicht heimkommen könnte, stieg ab, machte sich bei einem Baum ein Feuer an und wollte dabei übernachten.
Als er bei dem Feuer saß und seine Tiere sich auch neben ihn gelegt hatten, deuchte ihn, als hörte er eine menschliche Stimme. Er schaute umher, konnte aber nichts bemerken. Bald darauf hörte er wieder ein Ächzen wie von oben her. Da blickte er in die Höhe und sah ein altes Weib auf dem Baum sitzen, das jammerte in einem fort:
Sprach er:
Sie aber sagte:
Antwortete er:
Sie war aber eine Hexe und sprach:
Da warf sie ihm ein Rütlein herab, und er schlug sie damit: alsbald lagen sie still und waren in Stein verwandelt. Und als die Hexe vor den Tieren sicher war, sprang sie herunter, rührte auch ihn mit einer Rute an und verwandelte ihn in Stein. Darauf lachte sie und schleppte ihn und die Tiere in einen Graben, wo schon mehr solcher Steine lagen.
Der Zwillingsbruder als Retter
Als der junge König gar nicht wiederkam, wurde die Angst und Sorge der Königin immer größer. Nun trug es sich zu, dass gerade in dieser Zeit der andere Bruder, der bei der Trennung nach Osten gewandelt war, in das Königreich kam. Er hatte einen Dienst gesucht und keinen gefunden, war dann herumgezogen hin und her und hatte seine Tiere tanzen lassen.
Da fiel ihm ein, er wollte einmal nach dem Messer sehen, das sie bei ihrer Trennung in einen Baumstamm gestoßen hatten, um zu erfahren, wie es seinem Bruder ginge. Als er dahin kam, war seines Bruders Seite halb verrostet und halb war sie noch blank. Da erschrak er und dachte:
Er zog mit seinen Tieren nach Westen. Als er in das Stadttor kam, trat ihm die Wache entgegen und fragte, ob sie ihn bei seiner Gemahlin melden sollte: die junge Königin wäre schon seit ein paar Tagen in großer Angst über sein Ausbleiben und fürchtete, er wäre im Zauberwald umgekommen. Die Wache nämlich glaubte nicht anders, als er wäre der junge König selbst, so ähnlich sah er ihm, und er hatte auch die wilden Tiere hinter sich herlaufen. Da merkte er, dass von seinem Bruder die Rede war, und dachte:
Also ließ er sich von der Wache ins Schloss begleiten und wurde mit großen Freuden empfangen.
Die junge Königin meinte nicht anders, als es wäre ihr Gemahl, und fragte ihn, warum er so lange ausgeblieben wäre. Er antwortete:
Abends wurde er in das königliche Bett gebracht, aber er legte ein zweischneidiges Schwert zwischen sich und die junge Königin. Sie wusste nicht, was das heißen sollte, getraute sich aber nicht zu fragen.
Da blieb er ein paar Tage und erforschte derweil alles, wie es mit dem Zauberwald beschaffen war. Endlich sprach er:
Der König und die junge Königin wollten es ihm ausreden, aber er bestand darauf und zog mit großer Begleitung hinaus.
Als er in den Wald gekommen war, erging es ihm wie seinem Bruder: Er sah eine weiße Hirschkuh und sprach zu seinen Leuten:
, ritt in den Wald hinein, und seine Tiere liefen ihm nach.
Aber er konnte die Hirschkuh nicht einholen und geriet so tief in den Wald, dass er darin übernachten musste. Und als er ein Feuer angemacht hatte, hörte er über sich ächzen:
Da schaute er hinauf, und es saß dieselbe Hexe oben im Baum.
Sprach er:
Antwortete sie:
Er aber sprach:
Da rief sie:
Als der Jäger das hörte, traute er der Alten nicht und sprach:
Da rief sie:
Er aber antwortete:
Sprach sie:
Da legte er an und schoss nach ihr. Aber die Hexe war fest gegen alle Bleikugeln, lachte, dass es gellte, und rief:
Der Jäger wusste Bescheid, riss drei silberne Knöpfe vom Rock und lud sie in die Büchse, denn dagegen war ihre Kunst umsonst. Und als er losdrückte, stürzte sie gleich mit Geschrei herab.
Da stellte er den Fuß auf sie und sprach:
Sie war in großer Angst, bat um Gnade und sagte:
Da zwang er sie, mit hinzugehen, drohte ihr und sprach:
Sie nahm eine Rute und rührte die Steine an. Da wurde sein Bruder mit den Tieren wieder lebendig, und viele andere, Kaufleute, Handwerker, Hirten, standen auf, dankten für ihre Befreiung und zogen heim.
Die Zwillingsbrüder aber, als sie sich wiedersahen, küssten sich und freuten sich von Herzen. Dann ergriffen sie die Hexe, banden sie und legten sie ins Feuer. Und als sie verbrannt war, da tat sich der Wald von selbst auf und war licht und hell, und man konnte das königliche Schloss auf drei Stunden Weges sehen.
Missverständnis und Versöhnung
Nun gingen die zwei Brüder zusammen nach Hause und erzählten einander auf dem Weg ihre Schicksale. Als der jüngste sagte, er wäre an des Königs Statt Herr im ganzen Lande, sprach der andere:
Wie das der andere hörte, wurde er so eifersüchtig und zornig, dass er sein Schwert zog und seinem Bruder den Kopf abschlug. Als dieser aber tot dalag und er sein rotes Blut fließen sah, reute es ihn gewaltig.
, rief er aus,
, und jammerte laut.
Da kam sein Hase und erbot sich, von der Lebenswurzel zu holen, sprang fort und brachte sie noch zu rechter Zeit. Der Tote wurde wieder ins Leben gebracht und merkte gar nichts von der Wunde.
Darauf zogen sie weiter, und der jüngste sprach:
Also trennten sie sich. Und bei dem alten König kam zu gleicher Zeit die Wache von dem einen und dem anderen Tore und meldete, der junge König mit den Tieren wäre von der Jagd angelangt. Sprach der König:
Indem aber kamen von zwei Seiten die beiden Brüder in den Schlosshof hinein und stiegen beide herauf. Da sprach der König zu seiner Tochter:
Sie war da in großer Angst und konnte es nicht sagen. Endlich fiel ihr das Halsband ein, das sie den Tieren gegeben hatte. Sie suchte und fand an dem einen Löwen ihr goldenes Schlösschen. Da rief sie vergnügt:
Da lachte der junge König und sagte:
, und sie setzten sich zusammen zu Tisch, aßen und tranken und waren fröhlich.
Abends, als der junge König zu Bett ging, sprach seine Frau:
Da erkannte er erst, wie treu sein Bruder gewesen war.

