Autor: Gebrüder Grimm
Die sarggefüllte Kammer
Es war einmal ein König und eine Königin, die lebten in Frieden miteinander und hatten zwölf Kinder. Das waren aber lauter Jungen.
Nun sprach der König zu seiner Frau:
Er ließ auch zwölf Särge machen, die waren schon mit Hobelspänen gefüllt, und in jedem lag das Totenkissen. Er ließ sie in eine verschlossene Stube bringen. Dann gab er der Königin den Schlüssel und gebot ihr, niemandem etwas davon zu sagen.
Die Mutter aber saß nun den ganzen Tag und trauerte, sodass der kleinste Sohn, der immer bei ihr war und den sie nach der Bibel Benjamin nannte, zu ihr sprach:
, antwortete sie,
Er ließ ihr aber keine Ruhe, bis sie ging, die Stube aufschloss und ihm die zwölf bereits mit Hobelspänen gefüllten Totenladen zeigte. Darauf sprach sie:
Als sie weinte, während sie das sprach, tröstete sie der Sohn und sagte:
Sie aber sprach:
Die Flucht in den Wald
Nachdem sie ihre Söhne gesegnet hatte, gingen diese hinaus in den Wald. Einer hielt nach dem anderen Wacht, saß auf der höchsten Eiche und schaute nach dem Turm.
Als elf Tage herum waren und die Reihe an Benjamin kam, sah er, wie eine Fahne aufgesteckt wurde. Es war aber nicht die weiße, sondern die rote Blutfahne, die verkündete, dass sie alle sterben sollten.
Als die Brüder das hörten, wurden sie zornig und sprachen:
Darauf gingen sie tiefer in den Wald hinein. Mitten darin, wo er am dunkelsten war, fanden sie ein kleines, verwünschtes Häuschen, das leer stand.
Da sprachen sie:
Nun zogen sie in den Wald und schossen Hasen, wilde Rehe, Vögel, Täubchen und was sich sonst als Speise fand. Das brachten sie Benjamin, der musste es ihnen zubereiten, damit sie ihren Hunger stillen konnten. In dem Häuschen lebten sie zehn Jahre zusammen, und die Zeit wurde ihnen nicht lang.
Das Zusammentreffen der Geschwister
Das Töchterchen, das ihre Mutter, die Königin, geboren hatte, war nun herangewachsen. Es war gut von Herzen, schön von Angesicht und hatte einen goldenen Stern auf der Stirn.
Einmal, als große Wäsche war, sah es darunter zwölf Mannshemden und fragte seine Mutter:
Da antwortete sie mit schwerem Herzen:
Sprach das Mädchen:
Sie antwortete:
Da nahm sie das Mädchen, schloss ihm das Zimmer auf und zeigte ihm die zwölf Särge mit den Hobelspänen und den Totenkissen.
, sprach sie,
, und erzählte ihm, wie sich alles zugetragen hatte.
Da sagte das Mädchen:
Nun nahm es die zwölf Hemden, ging fort und geradewegs in den großen Wald hinein. Es ging den ganzen Tag, und am Abend kam es zu dem verwünschten Häuschen. Da trat es hinein und fand einen jungen Knaben.
Der fragte:
, und erstaunte, dass sie so schön war, königliche Kleider trug und einen Stern auf der Stirn hatte.
Da antwortete sie:
Sie zeigte ihm auch die zwölf Hemden, die ihnen gehörten.
Da sah Benjamin, dass es seine Schwester war, und sprach:
Sie fing an zu weinen vor Freude, Benjamin ebenfalls, und sie küssten und herzten einander vor großer Liebe. Danach sprach er:
Da sagte sie:
, antwortete er,
Das tat sie. Als es Nacht wurde, kamen die anderen von der Jagd, und die Mahlzeit war bereit. Als sie am Tisch saßen und aßen, fragten sie:
Sprach Benjamin:
, antworteten sie.
Sprach er weiter:
, riefen sie.
Er antwortete:
, riefen sie alle,
Da sprach er:
, und hob die Bütte auf.
Die Königstochter kam hervor in ihren königlichen Kleidern mit dem goldenen Stern auf der Stirn. Sie war so schön, zart und fein. Da freuten sie sich alle, fielen ihr um den Hals, küssten sie und hatten sie von Herzen lieb.
Das Geheimnis der zwölf Lilien
Nun blieb sie bei Benjamin zu Hause und half ihm bei der Arbeit. Die elf zogen in den Wald, fingen Wild, Rehe, Vögel und Täubchen, damit sie zu essen hatten, und die Schwester und Benjamin sorgten dafür, dass es zubereitet wurde. Sie suchte das Holz zum Kochen und die Kräuter für das Gemüse und stellte die Töpfe ans Feuer, sodass die Mahlzeit immer fertig war, wenn die elf kamen. Sie hielt auch sonst Ordnung im Häuschen, deckte die Bettlein hübsch weiß und rein, und die Brüder waren immer zufrieden und lebten in großer Einigkeit mit ihr.
Nach einer Zeit hatten die beiden daheim ein schönes Essen zubereitet. Als sie nun alle beisammen waren, setzten sie sich, aßen und tranken und waren voller Freude.
An dem verwünschten Häuschen war jedoch ein kleines Gärtchen. Darin standen zwölf Lilienblumen, die man auch Studenten nennt. Nun wollte sie ihren Brüdern eine Freude machen, brach die zwölf Blumen ab und dachte, jedem zum Essen eine zu schenken.
Wie sie aber die Blumen abgebrochen hatte, im selben Augenblick, wurden die zwölf Brüder in zwölf Raben verwandelt und flogen über den Wald hinweg. Das Haus mit dem Garten war ebenfalls verschwunden.
Da war das arme Mädchen allein im wilden Wald. Als es sich umsah, stand eine alte Frau neben ihm, die sprach:
Das Mädchen sprach weinend:
, sagte die Alte,
Die stumme Spinnerin
Da sprach das Mädchen in seinem Herzen:
, ging, suchte sich einen hohen Baum, setzte sich darauf, spann und sprach nicht und lachte nicht.
Nun trug es sich zu, dass ein König in dem Wald jagte. Er hatte einen großen Windhund. Der lief zu dem Baum, auf dem das Mädchen saß, sprang herum, winselte und bellte hinauf.
Da kam der König herbei und sah die schöne Königstochter mit dem goldenen Stern auf der Stirn. Er war so entzückt über ihre Schönheit, dass er ihr zurief, ob sie seine Gemahlin werden wollte. Sie gab keine Antwort, nickte aber ein wenig mit dem Kopf. Da stieg er selbst auf den Baum, trug sie herab, setzte sie auf sein Pferd und führte sie heim.
Die Hochzeit wurde mit großer Pracht und Freude gefeiert, aber die Braut sprach nicht und lachte nicht.
Die falsche Anklage und die Erlösung
Als sie ein paar Jahre vergnügt miteinander gelebt hatten, fing die Mutter des Königs, die eine böse Frau war, an, die junge Königin zu verleumden. Sie sprach zum König:
Der König wollte zuerst nicht daran glauben, aber die Alte trieb es so lange und beschuldigte sie so vieler böser Dinge, dass der König sich schließlich überreden ließ und sie zum Tode verurteilte.
Nun wurde im Hof ein großes Feuer angezündet, darin sollte sie verbrannt werden. Der König stand oben am Fenster und sah mit weinenden Augen zu, weil er sie noch immer so lieb hatte.
Als sie bereits an den Pfahl festgebunden war und das Feuer an ihren Kleidern mit roten Zungen leckte, war genau der letzte Augenblick der sieben Jahre verflossen.
Da ließ sich in der Luft ein Geschwirr hören. Zwölf Raben kamen hergezogen und senkten sich nieder. Sobald sie die Erde berührten, waren es ihre zwölf Brüder, die sie erlöst hatte. Sie rissen das Feuer auseinander, löschten die Flammen, machten ihre liebe Schwester frei und küssten und herzten sie.
Nun aber, da sie ihren Mund auftun und reden durfte, erzählte sie dem König, warum sie stumm gewesen war und niemals gelacht hatte.
Der König freute sich, als er hörte, dass sie unschuldig war. Sie lebten nun alle zusammen in Einigkeit bis an ihren Tod. Die böse Stiefmutter wurde vor Gericht gestellt und in ein Fass gesteckt, das mit siedendem Öl und giftigen Schlangen angefüllt war, und starb eines bösen Todes.

