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Märchen lesen und erleben

Die zwölf Brüder

⏱ Lesedauer: ca. 11 Min.

Die sarggefüllte Kammer

Es war einmal ein König und eine Königin, die lebten in Frieden miteinander und hatten zwölf Kinder. Das waren aber lauter Jungen.

Nun sprach der König zu seiner Frau:

„Wenn das dreizehnte Kind, das du zur Welt bringst, ein Mädchen ist, so sollen die zwölf Jungen sterben, damit sein Reichtum groß wird und das Königreich ihm allein zufällt.“

Er ließ auch zwölf Särge machen, die waren schon mit Hobelspänen gefüllt, und in jedem lag das Totenkissen. Er ließ sie in eine verschlossene Stube bringen. Dann gab er der Königin den Schlüssel und gebot ihr, niemandem etwas davon zu sagen.

Die Mutter aber saß nun den ganzen Tag und trauerte, sodass der kleinste Sohn, der immer bei ihr war und den sie nach der Bibel Benjamin nannte, zu ihr sprach:

„Liebe Mutter, warum bist du so traurig?“

„Liebstes Kind“

, antwortete sie,

„ich darf dir es nicht sagen.“

Er ließ ihr aber keine Ruhe, bis sie ging, die Stube aufschloss und ihm die zwölf bereits mit Hobelspänen gefüllten Totenladen zeigte. Darauf sprach sie:

„Mein liebster Benjamin, diese Särge hat dein Vater für dich und deine elf Brüder machen lassen. Denn wenn ich ein Mädchen zur Welt bringe, so sollt ihr allesamt getötet und darin begraben werden.“

Als sie weinte, während sie das sprach, tröstete sie der Sohn und sagte:

„Weine nicht, liebe Mutter, wir wollen uns schon helfen und wollen fortgehen.“

Sie aber sprach:

„Geh mit deinen elf Brüdern hinaus in den Wald. Einer setze sich immer auf den höchsten Baum, der zu finden ist, halte Wacht und schaue nach dem Turm hier im Schloss. Gebäre ich ein Söhnlein, so will ich eine weiße Fahne aufstecken, und dann dürft ihr wiederkommen. Gebäre ich ein Töchterlein, so will ich eine rote Fahne aufstecken. Dann flieht fort, so schnell ihr könnt, und der liebe Gott behüte euch. Jede Nacht will ich aufstehen und für euch beten: im Winter, dass ihr an einem Feuer euch wärmen könnt, im Sommer, dass ihr nicht in der Hitze schmachtet.“

Die Flucht in den Wald

Nachdem sie ihre Söhne gesegnet hatte, gingen diese hinaus in den Wald. Einer hielt nach dem anderen Wacht, saß auf der höchsten Eiche und schaute nach dem Turm.

Als elf Tage herum waren und die Reihe an Benjamin kam, sah er, wie eine Fahne aufgesteckt wurde. Es war aber nicht die weiße, sondern die rote Blutfahne, die verkündete, dass sie alle sterben sollten.

Als die Brüder das hörten, wurden sie zornig und sprachen:

„Sollten wir um eines Mädchens willen den Tod leiden! Wir schwören, dass wir uns rächen wollen: Wo wir ein Mädchen finden, soll sein rotes Blut fließen.“

Darauf gingen sie tiefer in den Wald hinein. Mitten darin, wo er am dunkelsten war, fanden sie ein kleines, verwünschtes Häuschen, das leer stand.

Da sprachen sie:

„Hier wollen wir wohnen. Du, Benjamin, bist der jüngste und schwächste, du sollst daheim bleiben und den Haushalt führen. Wir anderen wollen ausgehen und Essen holen.“

Nun zogen sie in den Wald und schossen Hasen, wilde Rehe, Vögel, Täubchen und was sich sonst als Speise fand. Das brachten sie Benjamin, der musste es ihnen zubereiten, damit sie ihren Hunger stillen konnten. In dem Häuschen lebten sie zehn Jahre zusammen, und die Zeit wurde ihnen nicht lang.

Das Zusammentreffen der Geschwister

Das Töchterchen, das ihre Mutter, die Königin, geboren hatte, war nun herangewachsen. Es war gut von Herzen, schön von Angesicht und hatte einen goldenen Stern auf der Stirn.

Einmal, als große Wäsche war, sah es darunter zwölf Mannshemden und fragte seine Mutter:

„Wem gehören diese zwölf Hemden? Für den Vater sind sie doch viel zu klein.“

Da antwortete sie mit schwerem Herzen:

„Liebes Kind, die gehören deinen zwölf Brüdern.“

Sprach das Mädchen:

„Wo sind meine zwölf Brüder? Ich habe noch niemals von ihnen gehört.“

Sie antwortete:

„Das weiß Gott, wo sie sind; sie irren in der Welt herum.“

Da nahm sie das Mädchen, schloss ihm das Zimmer auf und zeigte ihm die zwölf Särge mit den Hobelspänen und den Totenkissen.

„Diese Särge“

, sprach sie,

„waren für deine Brüder bestimmt. Aber sie sind heimlich fortgegangen, ehe du geboren warst“

, und erzählte ihm, wie sich alles zugetragen hatte.

Da sagte das Mädchen:

„Liebe Mutter, weine nicht, ich will gehen und meine Brüder suchen.“

Nun nahm es die zwölf Hemden, ging fort und geradewegs in den großen Wald hinein. Es ging den ganzen Tag, und am Abend kam es zu dem verwünschten Häuschen. Da trat es hinein und fand einen jungen Knaben.

Der fragte:

„Wo kommst du her und wo willst du hin?“

, und erstaunte, dass sie so schön war, königliche Kleider trug und einen Stern auf der Stirn hatte.

Da antwortete sie:

„Ich bin eine Königstochter und suche meine zwölf Brüder. Ich will gehen, so weit der Himmel blau ist, bis ich sie finde.“

Sie zeigte ihm auch die zwölf Hemden, die ihnen gehörten.

Da sah Benjamin, dass es seine Schwester war, und sprach:

„Ich bin Benjamin, dein jüngster Bruder.“

Sie fing an zu weinen vor Freude, Benjamin ebenfalls, und sie küssten und herzten einander vor großer Liebe. Danach sprach er:

„Liebe Schwester, es gibt noch ein Hindernis. Wir hatten verabredet, dass jedes Mädchen, das uns begegnet, sterben soll, weil wir um eines Mädchens willen unser Königreich verlassen mussten.“

Da sagte sie:

„Ich will gerne sterben, wenn ich damit meine zwölf Brüder erlösen kann.“

„Nein“

, antwortete er,

„du sollst nicht sterben. Setze dich unter diese Bütte, bis die elf Brüder kommen, dann will ich mich schon mit ihnen einigen.“

Das tat sie. Als es Nacht wurde, kamen die anderen von der Jagd, und die Mahlzeit war bereit. Als sie am Tisch saßen und aßen, fragten sie:

„Was gibt es Neues?“

Sprach Benjamin:

„Wisst ihr nichts?“

„Nein“

, antworteten sie.

Sprach er weiter:

„Ihr seid im Wald gewesen, ich bin daheim geblieben und weiß doch mehr als ihr.“

„So erzähle uns!“

, riefen sie.

Er antwortete:

„Versprecht ihr mir auch, dass das erste Mädchen, das uns begegnet, nicht getötet wird?“

„Ja“

, riefen sie alle,

„es soll Gnade haben! Erzähl uns nur.“

Da sprach er:

„Unsere Schwester ist da“

, und hob die Bütte auf.

Die Königstochter kam hervor in ihren königlichen Kleidern mit dem goldenen Stern auf der Stirn. Sie war so schön, zart und fein. Da freuten sie sich alle, fielen ihr um den Hals, küssten sie und hatten sie von Herzen lieb.

Das Geheimnis der zwölf Lilien

Nun blieb sie bei Benjamin zu Hause und half ihm bei der Arbeit. Die elf zogen in den Wald, fingen Wild, Rehe, Vögel und Täubchen, damit sie zu essen hatten, und die Schwester und Benjamin sorgten dafür, dass es zubereitet wurde. Sie suchte das Holz zum Kochen und die Kräuter für das Gemüse und stellte die Töpfe ans Feuer, sodass die Mahlzeit immer fertig war, wenn die elf kamen. Sie hielt auch sonst Ordnung im Häuschen, deckte die Bettlein hübsch weiß und rein, und die Brüder waren immer zufrieden und lebten in großer Einigkeit mit ihr.

Nach einer Zeit hatten die beiden daheim ein schönes Essen zubereitet. Als sie nun alle beisammen waren, setzten sie sich, aßen und tranken und waren voller Freude.

An dem verwünschten Häuschen war jedoch ein kleines Gärtchen. Darin standen zwölf Lilienblumen, die man auch Studenten nennt. Nun wollte sie ihren Brüdern eine Freude machen, brach die zwölf Blumen ab und dachte, jedem zum Essen eine zu schenken.

Wie sie aber die Blumen abgebrochen hatte, im selben Augenblick, wurden die zwölf Brüder in zwölf Raben verwandelt und flogen über den Wald hinweg. Das Haus mit dem Garten war ebenfalls verschwunden.

Da war das arme Mädchen allein im wilden Wald. Als es sich umsah, stand eine alte Frau neben ihm, die sprach:

„Mein Kind, was hast du angefangen! Warum hast du die zwölf weißen Blumen nicht stehen lassen? Das waren deine Brüder, die nun für immer in Raben verwandelt sind.“

Das Mädchen sprach weinend:

„Gibt es denn kein Mittel, sie zu erlösen?“

„Nein“

, sagte die Alte,

„es gibt keines auf der ganzen Welt als eines. Das ist aber so schwer, dass du sie damit nicht befreien wirst: Du musst sieben Jahre stumm sein, darfst nicht sprechen und nicht lachen. Sprichst du ein einziges Wort, und es fehlt nur eine Stunde an den sieben Jahren, so ist alles umsonst, und deine Brüder werden durch dieses eine Wort getötet.“

Die stumme Spinnerin

Da sprach das Mädchen in seinem Herzen:

„Ich weiß gewiss, dass ich meine Brüder erlöse“

, ging, suchte sich einen hohen Baum, setzte sich darauf, spann und sprach nicht und lachte nicht.

Nun trug es sich zu, dass ein König in dem Wald jagte. Er hatte einen großen Windhund. Der lief zu dem Baum, auf dem das Mädchen saß, sprang herum, winselte und bellte hinauf.

Da kam der König herbei und sah die schöne Königstochter mit dem goldenen Stern auf der Stirn. Er war so entzückt über ihre Schönheit, dass er ihr zurief, ob sie seine Gemahlin werden wollte. Sie gab keine Antwort, nickte aber ein wenig mit dem Kopf. Da stieg er selbst auf den Baum, trug sie herab, setzte sie auf sein Pferd und führte sie heim.

Die Hochzeit wurde mit großer Pracht und Freude gefeiert, aber die Braut sprach nicht und lachte nicht.

Die falsche Anklage und die Erlösung

Als sie ein paar Jahre vergnügt miteinander gelebt hatten, fing die Mutter des Königs, die eine böse Frau war, an, die junge Königin zu verleumden. Sie sprach zum König:

„Es ist ein gemeines Bettelmädchen, das du dir mitgebracht hast. Wer weiß, was für gottlose Streiche sie heimlich treibt. Wenn sie stumm ist und nicht sprechen kann, so könnte sie doch wenigstens lachen. Wer nicht lacht, der hat ein böses Gewissen.“

Der König wollte zuerst nicht daran glauben, aber die Alte trieb es so lange und beschuldigte sie so vieler böser Dinge, dass der König sich schließlich überreden ließ und sie zum Tode verurteilte.

Nun wurde im Hof ein großes Feuer angezündet, darin sollte sie verbrannt werden. Der König stand oben am Fenster und sah mit weinenden Augen zu, weil er sie noch immer so lieb hatte.

Als sie bereits an den Pfahl festgebunden war und das Feuer an ihren Kleidern mit roten Zungen leckte, war genau der letzte Augenblick der sieben Jahre verflossen.

Da ließ sich in der Luft ein Geschwirr hören. Zwölf Raben kamen hergezogen und senkten sich nieder. Sobald sie die Erde berührten, waren es ihre zwölf Brüder, die sie erlöst hatte. Sie rissen das Feuer auseinander, löschten die Flammen, machten ihre liebe Schwester frei und küssten und herzten sie.

Nun aber, da sie ihren Mund auftun und reden durfte, erzählte sie dem König, warum sie stumm gewesen war und niemals gelacht hatte.

Der König freute sich, als er hörte, dass sie unschuldig war. Sie lebten nun alle zusammen in Einigkeit bis an ihren Tod. Die böse Stiefmutter wurde vor Gericht gestellt und in ein Fass gesteckt, das mit siedendem Öl und giftigen Schlangen angefüllt war, und starb eines bösen Todes.