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Märchen lesen und erleben

Einäuglein, Zweiäuglein und Dreiäuglein

⏱ Lesedauer: ca. 11 Min.

Das ungleiche Schwestertrio

Es war einmal eine Frau, die hatte drei Töchter. Die älteste hieß Einäuglein, weil sie nur ein einziges Auge mitten auf der Stirn hatte. Die mittelste hieß Zweiäuglein, weil sie zwei Augen hatte wie andere Menschen. Die jüngste hieß Dreiäuglein, weil sie drei Augen besaß, wovon das dritte ebenfalls mitten auf ihrer Stirn stand.

Weil Zweiäuglein jedoch genauso aussah wie andere Menschenkinder, konnten es die Schwestern und die Mutter nicht leiden. Sie sagten zu ihr:

„Du mit deinen zwei Augen bist nicht besser als das gemeine Volk, du gehörst nicht zu uns.“

Sie stießen sie herum, gaben ihr schlechte Kleider und ließen ihr nur die Essensreste übrig. Wo sie nur konnten, taten sie ihr weh.

Die weise Frau auf dem Feldrain

Eines Tages musste Zweiäuglein hinaus aufs Feld gehen, um die Ziege zu hüten. Sie war noch ganz hungrig, weil ihre Schwestern ihr so wenig zu essen gegeben hatten. Da setzte sie sich auf einen Feldrain und fing so bitterlich an zu weinen, dass zwei kleine Bäche aus ihren Augen flossen.

Als sie in ihrem Jammer aufblickte, stand plötzlich eine Frau neben ihr. Sie fragte:

„Zweiäuglein, warum weinst du?“

Zweiäuglein antwortete:

„Soll ich nicht weinen? Weil ich zwei Augen habe wie andere Menschen, können mich meine Mutter und meine Schwestern nicht leiden. Sie stoßen mich von einer Ecke in die andere, geben mir nur alte Lumpen zum Anziehen und nichts zu essen als ihre Reste. Heute haben sie mir so wenig übrig gelassen, dass ich noch ganz hungrig bin.“

Da sprach die weise Frau:

„Zweiäuglein, trockne dein Gesicht. Ich will dir etwas verraten, damit du nie wieder hungern musst. Sprich einfach zu deiner Ziege: ‚Zicklein, meck, Tischlein, deck!‘ Dann wird ein sauber gedeckter Tisch vor dir stehen, beladen mit dem herrlichsten Essen, sodass du essen kannst, so viel du willst. Und wenn du satt bist und den Tisch nicht mehr brauchst, sprichst du: ‚Zicklein, meck, Tischlein, weg!‘ Dann wird er sogleich wieder verschwinden.“

Daraufhin ging die weise Frau fort. Zweiäuglein dachte:

„Ich muss sofort ausprobieren, ob das wahr ist, denn der Hunger plagt mich sehr.“

Sie sprach:

„Zicklein, meck, Tischlein, deck!“

Kaum hatte sie die Worte ausgesprochen, stand ein kleiner Tisch da, gedeckt mit einem feinen weißen Tuch. Darauf lagen ein Teller, Messer, Gabel, ein silberner Löffel und die köstlichsten Speisen, die dampften, als kämen sie frisch aus der Küche. Zweiäuglein sprach ein kurzes Gebet und ließ es sich schmecken. Als sie satt war, sagte sie:

„Zicklein, meck, Tischlein, weg!“

Augenblicklich war das Tischchen samt allem Geschirr wieder verschwunden.

„Das ist ein wunderbarer Haushalt!“

, freute sich Zweiäuglein und kehrte abends vergnügt nach Hause zurück.

Ihr Schüsselchen mit den kargen Resten, das die Schwestern ihr hingestellt hatten, rührte sie nicht an. Auch am nächsten Tag ließ sie die Brocken liegen, die man ihr reichte. Zuerst bemerkten die Schwestern es nicht. Doch als es sich wiederholte, wurden sie misstrauisch:

„Mit Zweiäuglein stimmt etwas nicht. Sie lässt jedes Mal ihr Essen stehen, wo sie doch sonst alles hastig aufgegessen hat. Sie muss eine andere Quelle gefunden haben.“

Um der Sache auf den Grund zu gehen, sollte Einäuglein am nächsten Tag mitgehen und Zweiäuglein beim Hüten der Ziege beobachten.

Die Spione auf der Weide

Als Zweiäuglein am Morgen aufbrach, gesellte sich Einäuglein zu ihr und sagte:

„Ich will heute mit aufs Feld gehen, um zu sehen, ob die Ziege auch ordentlich gehütet wird.“

Zweiäuglein durchschaute jedoch ihre Absicht. Sie trieb die Ziege in ein hohes, saftiges Gras und schlug vor:

„Komm, Einäuglein, wir setzen uns hin. Ich will dir ein Lied vorsingen.“

Einäuglein setzte sich. Der lange Weg und die warme Sonne hatten sie müde gemacht. Zweiäuglein begann zu singen:

„Einäuglein, wachst du? Einäuglein, schläfst du?“

Da schloss Einäuglein ihr einziges Auge und schlief tief ein. Als Zweiäuglein sah, dass ihre Schwester fest schlief, sprach sie leise ihr Sprüchlein:

„Zicklein, meck, Tischlein, deck!“

Sie setzte sich an den Tisch und aß, bis sie satt war. Danach rief sie:

„Zicklein, meck, Tischlein, weg!“

Und alles war im Nu verschwunden. Zweiäuglein weckte nun ihre Schwester:

„Einäuglein, du willst hüten und schläfst dabei ein? Unterdessen hätte die Ziege sonst wohin laufen können! Komm, wir gehen nach Hause.“

Zu Hause ließ Zweiäuglein ihr Essen wieder unberührt stehen. Einäuglein konnte der Mutter jedoch nichts berichten und entschuldigte sich nur damit, dass sie auf dem Feld eingeschlafen sei.

Dreiäugleins List und der Verrat

Am nächsten Tag sprach die Mutter zu Dreiäuglein:

„Diesmal gehst du mit. Du musst genau aufpassen, ob Zweiäuglein heimlich isst und ob ihr jemand Essen bringt.“

Dreiäuglein trat zu Zweiäuglein und sagte:

„Ich gehe heute mit, um nach dem Rechten zu sehen.“

Zweiäuglein wusste auch diesmal, was Sache war. Sie führte die Ziege wieder ins hohe Gras und bot an, Dreiäuglein etwas vorzusingen.

Dreiäuglein setzte sich ins Gras. Sie war ebenfalls müde von der Hitze und dem Weg. Zweiäuglein stimmte das Liedchen an:

„Dreiäuglein, wachst du?“

Doch statt nun zu singen:

„Dreiäuglein, schläfst du?“

, sang sie aus Unachtsamkeit:

„Zweiäuglein, schläfst du?“

Sie sang immerzu:

„Dreiäuglein, wachst du? Zweiäuglein, schläfst du?“

Da fielen Dreiäuglein ihre beiden normalen Augen zu und schliefen ein. Doch das dritte Auge auf ihrer Stirn, das im Lied nicht genannt worden war, blieb hellwach. Dreiäuglein schloss es zwar aus List, sodass es aussah, als schliefe sie ganz fest, doch sie blinzelte hindurch und beobachtete alles genau.

Als Zweiäuglein glaubte, ihre Schwester schliefe tief, sprach sie ihr Sprüchlein:

„Zicklein, meck, Tischlein, deck!“

Sie aß und trank nach Herzenslust und räumte den Tisch wieder auf mit:

„Zicklein, meck, Tischlein, weg!“

Dreiäuglein hatte alles gesehen. Bald darauf weckte Zweiäuglein sie und sie gingen heim. Zu Hause berichtete Dreiäuglein der Mutter:

„Ich weiß jetzt, warum das stolze Ding nichts isst! Wenn sie draußen zur Ziege spricht, erscheint ein Tisch mit dem feinsten Essen, viel besser als unseres. Und danach lässt sie ihn wieder verschwinden. Sie hat zwei meiner Augen eingeschläfert, aber das eine auf der Stirn war zum Glück wach geblieben.“

Da schrie die neidische Mutter wütend:

„Willst du es etwa besser haben als wir? Das soll dir vergehen!“

Sie holte ein Schlachtermesser und stach die Ziege tot.

Der silberne Baum mit den goldenen Äpfeln

Zweiäuglein lief voller Trauer hinaus, setzte sich auf den Feldrain und weinte bittere Tränen. Da stand plötzlich die weise Frau wieder vor ihr und sprach:

„Zweiäuglein, warum weinst du?“

„Ach“

, antwortete sie,

„meine Mutter hat die Ziege getötet, die mir jeden Tag so reichlich den Tisch gedeckt hat. Nun muss ich wieder Hunger und Not leiden.“

Die weise Frau sprach:

„Zweiäuglein, ich will dir einen guten Rat geben. Bitte deine Schwestern, dir die Innereien der geschlachteten Ziege zu geben, und vergrabe sie heimlich vor der Haustür. Das wird dein Glück sein.“

Daraufhin verschwand sie.

Zweiäuglein ging heim und bat ihre Schwestern:

„Liebe Schwestern, gebt mir doch ein kleines Stück von meiner Ziege. Ich verlange nichts Gutes, nur die Innereien.“

Die Schwestern lachten schadenfroh und sagten:

„Wenn es weiter nichts ist, kannst du das gerne haben.“

Zweiäuglein nahm die Innereien und vergrub sie am Abend still und heimlich vor der Haustür.

Als sie am nächsten Morgen erwachten und vor die Tür traten, rieben sie sich verwundert die Augen. Dort stand ein wunderschöner, prächtiger Baum. Seine Blätter waren aus reinem Silber und dazwischen hingen glänzende Äpfel aus Gold. Nichts auf der Welt war schöner anzusehen.

Niemand wusste, woher der Baum gekommen war, nur Zweiäuglein begriff, dass er aus den vergrabenen Teilen der Ziege gewachsen war. Die Mutter sprach zu Einäuglein:

„Kletter hinauf, mein Kind, und pflück uns einige von den goldenen Äpfeln.“

Einäuglein kletterte hinauf. Doch als sie nach einem der Äpfel greifen wollte, wich der Zweig ihren Händen aus. Das geschah jedes Mal, sodass sie keinen einzigen Apfel brechen konnte.

Da sprach die Mutter:

„Dreiäuglein, steig du hinauf. Mit deinen drei Augen kannst du besser sehen.“

Dreiäuglein kletterte hinauf, doch sie hatte nicht mehr Glück. Die Äpfel wichen immer wieder zurück. Schließlich verlor die Mutter die Geduld und stieg selbst hinauf, griff jedoch ebenfalls nur in die leere Luft.

Da sprach Zweiäuglein:

„Lasst mich hinaufgehen, vielleicht gelingt es mir eher.“

Die Schwestern spotteten:

„Du mit deinen zwei Augen, was willst du schon ausrichten!“

Doch kaum war Zweiäuglein hinaufgestiegen, da zogen sich die Zweige nicht zurück. Die goldenen Äpfel fielen ihr geradezu von selbst in die Hand, sodass sie bald ihre Schürze prall gefüllt hatte und damit hinabstieg. Doch anstatt Zweiäuglein nun besser zu behandeln, wurden Mutter und Schwestern nur noch neidischer auf sie und behandelten sie noch härter.

Die Erlösung durch den Ritter

Eines Tages standen sie gemeinsam am Baum, als ein junger, vornehmer Ritter auf sie zuritt.

„Schnell, Zweiäuglein, versteck dich unter dem Fass! Wir wollen uns deiner nicht schämen müssen“

, riefen die Schwestern und stülpten eilig ein großes, leeres Fass über das Mädchen. Auch die goldenen Äpfel, die sie gepflückt hatte, schoben sie darunter.

Der Ritter hielt vor dem prächtigen Baum an, bewunderte ihn und sprach zu den Schwestern:

„Wem gehört dieser wunderschöne Baum? Wer mir einen Zweig davon abbricht, darf verlangen, was er will.“

Einäuglein und Dreiäuglein behaupteten keck, der Baum gehöre ihnen, und versuchten, einen Zweig abzubrechen. Doch wie zuvor wichen die Äpfel und Äste vor ihnen zurück.

„Das ist seltsam“

, wunderte sich der Ritter.

„Der Baum gehört euch, und doch könnt ihr nichts davon abbrechen?“

Sie blieben jedoch stur bei ihrer Behauptung.

Während sie stritten, rollte Zweiäuglein heimlich zwei goldene Äpfel unter dem Fass hervor, sodass sie dem Ritter vor die Hufe liefen. Sie war verärgert über die Lüge ihrer Schwestern.

Als der Ritter die Äpfel sah, fragte er erstaunt, wo sie herkämen. Die Schwestern mussten gestehen, dass sie noch eine Schwester hatten. Diese dürfe sich jedoch nicht zeigen, weil sie wie ganz gewöhnliche Menschen nur zwei Augen habe. Der Ritter verlangte jedoch, sie zu sehen, und rief:

„Zweiäuglein, komm hervor!“

Zweiäuglein kroch erleichtert unter dem Fass hervor. Der Ritter war von ihrer Anmut und Schönheit tief beeindruckt und sprach:

„Kannst du mir einen Zweig abbrechen?“

„Ja“

, antwortete sie,

„das kann ich, denn der Baum gehört mir.“

Sie kletterte hinauf und brach mühelos einen Zweig mit silbernen Blättern und goldenen Äpfeln ab, um ihn dem Ritter zu reichen.

Der Ritter blickte sie an und fragte:

„Zweiäuglein, was wünschst du dir dafür?“

„Ach“

, klagte sie,

„ich leide großen Hunger, Durst und Kummer von morgens bis abends. Wenn Ihr mich von hier fortführen und erlösen wollt, wäre ich überglücklich.“

Da hob der Ritter Zweiäuglein auf sein Pferd und ritt mit ihr davon auf das Schloss seines Vaters. Dort ließ er ihr edle Kleider geben, sorgte für Speise und Trank, und weil er sie so sehr liebte, heiratete er sie bald darauf unter großer Freude.

Die späte Versöhnung

Als Zweiäuglein fort war, dachten die Schwestern neidisch:

„Nun, der Baum bleibt uns wenigstens. Wenn wir auch keine Früchte ernten können, so werden die Leute doch herkommen und ihn bewundern.“

Doch am nächsten Morgen war der Baum spurlos verschwunden. Als Zweiäuglein auf dem Schloss aus ihrem Fenster blickte, stand der Baum zu ihrer großen Freude vor ihrem Gemach – er war ihr treu gefolgt.

Zweiäuglein lebte viele Jahre in Glück und Zufriedenheit. Eines Tages klopften zwei arme Frauen am Schlosstor und baten um ein Almosen. Zweiäuglein sah sie an und erkannte augenblicklich ihre Schwestern Einäuglein und Dreiäuglein. Sie waren so tief verarmt, dass sie betteln gehen mussten.

Zweiäuglein aber war nicht nachtragend. Sie hieß ihre Schwestern herzlich willkommen, nahm sie bei sich auf und sorgte gut für sie. Da bereuten Einäuglein und Dreiäuglein aufrichtig all das Böse, das sie ihrer Schwester in ihrer Jugend angetan hatten.