Autor: Gebrüder Grimm
Die sechs Gefährten
Es war einmal ein Mann, der verstand allerlei Künste. Er diente im Krieg und hielt sich brav und tapfer. Aber als der Krieg zu Ende war, bekam er den Abschied und nur drei Heller Zehrgeld mit auf den Weg.
, sprach er,
Da ging er voll Zorn in den Wald und sah dort einen stehen, der hatte sechs Bäume ausgerupft, als wären es Kornhalme. Er sprach zu ihm:
, antwortete er,
Er nahm einen der Bäume, wickelte ihn um die fünf anderen, hob das schwere Bündel auf die Schulter und trug es fort. Dann kam er zurück und ging mit seinem Herrn. Dieser sprach:
Als sie ein Weilchen gegangen waren, fanden sie einen Jäger, der lag auf den Knien, hatte die Büchse angelegt und zielte. Der Herr sprach zu ihm:
Er antwortete:
, sprach der Mann.
Der Jäger war bereit und ging mit ihm.
Sie kamen zu sieben Windmühlen, deren Flügel sich ganz hastig herumdrehten, obwohl sich links und rechts kein Wind regte und sich kein Blättchen bewegte. Da sprach der Mann:
Er ging mit seinen Dienern weiter.
Als sie zwei Meilen fortgegangen waren, sahen sie einen auf einem Baum sitzen, der hielt das eine Nasenloch zu und blies aus dem anderen.
, fragte der Mann.
Er antwortete:
, sprach der Mann.
Da stieg der Bläser herab und ging mit.
Nach einiger Zeit sahen sie einen, der stand auf einem Bein und hatte das andere abgeschnallt neben sich gelegt. Der Herr sprach:
, antwortete er,
Da ging er mit.
Gar nicht lange danach begegneten sie einem, der trug ein Hütchen, das er ganz schief auf dem einen Ohr sitzen hatte. Der Herr sprach zu ihm:
, sprach der andere,
, sprach der Herr.
Das Wettrennen um die Königstochter
Nun gingen die sechse in eine Stadt, in der der König hatte bekannt machen lassen: Wer mit seiner Tochter um die Wette laufen wolle und den Sieg davontrüge, der solle ihr Gemahl werden. Wer aber verlöre, müsste seinen Kopf hergeben.
Da meldete sich der Mann und sprach:
Der König antwortete:
Als das verabredet und beschlossen war, schnallte der Mann dem Läufer das andere Bein an und sprach zu ihm:
Es war bestimmt, dass derjenige Sieger sein sollte, der als Erster Wasser aus einem weit abgelegenen Brunnen brächte. Nun bekam der Läufer einen Krug und die Königstochter ebenfalls einen, und sie fingen zur gleichen Zeit zu laufen an. Aber in einem Augenblick, als die Königstochter erst eine kleine Strecke fort war, konnte den Läufer schon kein Zuschauer mehr sehen. Es war, als wäre der Wind vorbeigesaust. In kurzer Zeit langte er bei dem Brunnen an, schöpfte den Krug voll Wasser und kehrte wieder um.
Mitten auf dem Heimweg überkam ihn jedoch eine große Müdigkeit. Er setzte den Krug hin, legte sich nieder und schlief ein. Er hatte einen Pferdeschädel, der auf der Erde lag, als Kopfkissen genommen, damit er hart läge und bald wieder erwachte.
Indessen war die Königstochter, die ebenfalls so gut laufen konnte, wie es ein gewöhnlicher Mensch vermag, bei dem Brunnen angelangt und eilte mit ihrem Krug voll Wasser zurück. Als sie den Läufer schlafend am Boden liegen sah, freute sie sich und sprach:
Sie goss seinen Krug aus und sprang weiter.
Nun wäre alles verloren gewesen, wenn nicht zu gutem Glück der Jäger mit seinen scharfen Augen oben auf dem Schloss gestanden und alles mit angesehen hätte. Da sprach er:
Er lud seine Büchse und schoss so geschickt, dass er dem Läufer den Pferdeschädel unter dem Kopf wegschoss, ohne ihm wehzutun.
Da erwachte der Läufer, sprang auf und sah, dass sein Krug leer und die Königstochter schon weit voraus war. Er verlor jedoch den Mut nicht, lief mit dem Krug zum Brunnen zurück, schöpfte aufs Neue Wasser und war noch zehn Minuten vor der Königstochter zu Hause.
, sprach er,
Die eiserne Kammer
Den König kränkte es aber, und seine Tochter noch mehr, dass sie von einem einfachen, abgedankten Soldaten davongetragen werden sollte. Sie ratschlagten miteinander, wie sie ihn samt seinen Gesellen loswerden könnten.
Da sprach der König zu ihr:
Er ging zu ihnen und sprach:
Er führte sie in eine Stube, die einen Boden aus Eisen hatte, deren Türen ebenfalls aus Eisen waren und deren Fenster mit eisernen Stäben verwahrt waren. In der Stube stand eine Tafel, die mit köstlichen Speisen besetzt war. Der König sprach zu ihnen:
Sobald sie darin waren, ließ er die Tür verschließen und verriegeln. Dann rief er den Koch und befahl ihm, so lange ein Feuer unter der Stube zu machen, bis das Eisen glühend würde. Das tat der Koch. Den sechsen in der Stube wurde es, während sie an der Tafel saßen, erst ganz warm, und sie dachten, das käme vom guten Essen. Als die Hitze aber immer größer wurde und sie hinaus wollten, Tür und Fenster jedoch verschlossen fanden, merkten sie, dass der König Böses im Sinn hatte und sie ersticken wollte.
, sprach der mit dem Hütchen.
Er setzte sein Hütchen gerade, und augenblicklich fiel ein so starker Frost ein, dass alle Hitze verschwand und die Speisen auf den Schüsseln zu frieren anfingen.
Als ein paar Stunden vergangen waren und der König glaubte, sie wären in der Hitze verschmachtet, ließ er die Tür öffnen, um selbst nach ihnen zu sehen. Doch als die Tür aufging, standen alle sechse frisch und gesund da. Sie sagten, es sei ihnen lieb, dass sie heraus könnten, um sich zu wärmen, denn bei der großen Kälte in der Stube frören die Speisen an den Schüsseln fest.
Da ging der König voll Zorn hinab zum Koch, schalt ihn und fragte, warum er nicht getan habe, was ihm befohlen worden war. Der Koch antwortete:
Da sah der König, dass ein gewaltiges Feuer unter der Eisenstube brannte, und begriff, dass er den sechsen auf diese Weise nichts anhaben konnte.
Der riesige Sack voll Gold
Nun sann der König aufs Neue nach, wie er die lästigen Gäste loswerden könnte. Er ließ den Anführer kommen und sprach:
, antwortete er,
Der König war damit einverstanden, und jener sprach weiter:
Darauf rief der Mann alle Schneider aus dem ganzen Reich herbei. Sie mussten vierzehn Tage lang zusammensitzen und einen riesigen Sack nähen. Als er fertig war, musste der Starke, der die Bäume ausreißen konnte, den Sack auf die Schulter nehmen und mit ihm zum König gehen.
Der König sprach erstaunt:
Er erschrak und dachte:
Er ließ eine Tonne Gold herbeibringen, die sechzehn der stärksten Männer tragen mussten. Aber der Starke packte sie mit einer Hand, steckte sie in den Sack und sprach:
Da ließ der König nach und nach seinen ganzen Schatz herbeitragen. Den schob der Starke in den Sack hinein, und der Sack wurde davon noch nicht einmal zur Hälfte voll.
, rief er.
Da mussten noch siebentausend Wagen mit Gold aus dem ganzen Reich zusammengefahren werden. Die schob der Starke samt den vorgespannten Ochsen in seinen Sack.
, sprach er,
Obwohl alles darin steckte, ging immer noch viel hinein. Da sprach er:
Er lud ihn sich auf den Rücken und ging mit seinen Gefährten fort.
Die Flucht der sechs Gefährten
Als der König sah, wie dieser einzige Mann den Reichtum des ganzen Landes forttrug, wurde er zornig und ließ seine Reiterei aufsitzen. Sie sollten den sechsen nachjagen und hatten den Befehl, dem Starken den Sack wieder abzunehmen.
Zwei Regimenter holten sie bald ein und riefen ihnen zu:
, sprach der Bläser.
Er hielt das eine Nasenloch zu und blies mit dem anderen die beiden Regimenter an. Da flogen sie auseinander und in die blaue Luft über alle Berge weg – der eine hierhin, der andere dorthin.
Ein Feldwebel rief um Gnade. Er habe neun Wunden und sei ein braver Kerl, der diesen Schimpf nicht verdiene. Da ließ der Bläser ein wenig nach, sodass er ohne Schaden wieder auf die Erde herunterkam. Dann sprach er zu ihm:
Als der König diese Nachricht erhielt, sprach er:
Da brachten die sechs Gefährten den Reichtum nach Hause, teilten ihn unter sich auf und lebten vergnügt bis an ihr Ende.

