Märchenstern Logo
Märchenstern - Märchen lesen und erleben
Märchen lesen und erleben

Sechse kommen durch die ganze Welt

⏱ Lesedauer: ca. 11 Min.

Die sechs Gefährten

Es war einmal ein Mann, der verstand allerlei Künste. Er diente im Krieg und hielt sich brav und tapfer. Aber als der Krieg zu Ende war, bekam er den Abschied und nur drei Heller Zehrgeld mit auf den Weg.

„Warte“

, sprach er,

„das lasse ich mir nicht gefallen! Wenn ich die rechten Leute finde, soll mir der König noch die Schätze des ganzen Landes herausgeben.“

Da ging er voll Zorn in den Wald und sah dort einen stehen, der hatte sechs Bäume ausgerupft, als wären es Kornhalme. Er sprach zu ihm:

„Willst du mein Diener sein und mit mir ziehen?“

„Ja“

, antwortete er,

„aber erst will ich meiner Mutter dieses kleine Bündel Holz nach Hause bringen.“

Er nahm einen der Bäume, wickelte ihn um die fünf anderen, hob das schwere Bündel auf die Schulter und trug es fort. Dann kam er zurück und ging mit seinem Herrn. Dieser sprach:

„Wir zwei sollten wohl durch die ganze Welt kommen.“

Als sie ein Weilchen gegangen waren, fanden sie einen Jäger, der lag auf den Knien, hatte die Büchse angelegt und zielte. Der Herr sprach zu ihm:

„Jäger, was willst du schießen?“

Er antwortete:

„Zwei Meilen von hier sitzt eine Fliege auf dem Ast eines Eichbaums, der will ich das linke Auge herausschießen.“

„O, geh mit uns“

, sprach der Mann.

„Wenn wir drei zusammen sind, sollten wir wohl durch die ganze Welt kommen.“

Der Jäger war bereit und ging mit ihm.

Sie kamen zu sieben Windmühlen, deren Flügel sich ganz hastig herumdrehten, obwohl sich links und rechts kein Wind regte und sich kein Blättchen bewegte. Da sprach der Mann:

„Ich weiß nicht, was die Windmühlen treibt, es regt sich ja kein Lüftchen.“

Er ging mit seinen Dienern weiter.

Als sie zwei Meilen fortgegangen waren, sahen sie einen auf einem Baum sitzen, der hielt das eine Nasenloch zu und blies aus dem anderen.

„Sag, was treibst du da oben?“

, fragte der Mann.

Er antwortete:

„Zwei Meilen von hier stehen sieben Windmühlen. Die blase ich an, damit sie sich drehen.“

„O, geh mit uns“

, sprach der Mann.

„Wenn wir vier zusammen sind, sollten wir wohl durch die ganze Welt kommen.“

Da stieg der Bläser herab und ging mit.

Nach einiger Zeit sahen sie einen, der stand auf einem Bein und hatte das andere abgeschnallt neben sich gelegt. Der Herr sprach:

„Du hast es dir ja bequem gemacht zum Ausruhen.“

„Ich bin ein Läufer“

, antwortete er,

„und damit ich nicht zu schnell springe, habe ich mir das eine Bein abgeschnallt. Wenn ich mit zwei Beinen laufe, geht es geschwinder, als ein Vogel fliegt.“

„O, geh mit uns! Wenn wir fünf zusammen sind, sollten wir wohl durch die ganze Welt kommen.“

Da ging er mit.

Gar nicht lange danach begegneten sie einem, der trug ein Hütchen, das er ganz schief auf dem einen Ohr sitzen hatte. Der Herr sprach zu ihm:

„Manierlich, manierlich! Häng deinen Hut doch nicht auf ein Ohr, du siehst ja aus wie ein Hans Narr.“

„Ich darf es nicht anders tun“

, sprach der andere,

„denn setze ich meinen Hut gerade, so kommt ein gewaltiger Frost, und die Vögel unter dem Himmel erfrieren und fallen tot zur Erde.“

„O, geh mit uns“

, sprach der Herr.

„Wenn wir sechs zusammen sind, sollten wir wohl durch die ganze Welt kommen.“

Das Wettrennen um die Königstochter

Nun gingen die sechse in eine Stadt, in der der König hatte bekannt machen lassen: Wer mit seiner Tochter um die Wette laufen wolle und den Sieg davontrüge, der solle ihr Gemahl werden. Wer aber verlöre, müsste seinen Kopf hergeben.

Da meldete sich der Mann und sprach:

„Ich will aber meinen Diener für mich laufen lassen.“

Der König antwortete:

„Dann musst du auch sein Leben zum Pfand setzen, sodass sein und dein Kopf für den Sieg haften.“

Als das verabredet und beschlossen war, schnallte der Mann dem Läufer das andere Bein an und sprach zu ihm:

„Nun sei hurtig und hilf, dass wir siegen.“

Es war bestimmt, dass derjenige Sieger sein sollte, der als Erster Wasser aus einem weit abgelegenen Brunnen brächte. Nun bekam der Läufer einen Krug und die Königstochter ebenfalls einen, und sie fingen zur gleichen Zeit zu laufen an. Aber in einem Augenblick, als die Königstochter erst eine kleine Strecke fort war, konnte den Läufer schon kein Zuschauer mehr sehen. Es war, als wäre der Wind vorbeigesaust. In kurzer Zeit langte er bei dem Brunnen an, schöpfte den Krug voll Wasser und kehrte wieder um.

Mitten auf dem Heimweg überkam ihn jedoch eine große Müdigkeit. Er setzte den Krug hin, legte sich nieder und schlief ein. Er hatte einen Pferdeschädel, der auf der Erde lag, als Kopfkissen genommen, damit er hart läge und bald wieder erwachte.

Indessen war die Königstochter, die ebenfalls so gut laufen konnte, wie es ein gewöhnlicher Mensch vermag, bei dem Brunnen angelangt und eilte mit ihrem Krug voll Wasser zurück. Als sie den Läufer schlafend am Boden liegen sah, freute sie sich und sprach:

„Der Feind ist in meine Hände gegeben.“

Sie goss seinen Krug aus und sprang weiter.

Nun wäre alles verloren gewesen, wenn nicht zu gutem Glück der Jäger mit seinen scharfen Augen oben auf dem Schloss gestanden und alles mit angesehen hätte. Da sprach er:

„Die Königstochter soll doch nicht gegen uns gewinnen!“

Er lud seine Büchse und schoss so geschickt, dass er dem Läufer den Pferdeschädel unter dem Kopf wegschoss, ohne ihm wehzutun.

Da erwachte der Läufer, sprang auf und sah, dass sein Krug leer und die Königstochter schon weit voraus war. Er verlor jedoch den Mut nicht, lief mit dem Krug zum Brunnen zurück, schöpfte aufs Neue Wasser und war noch zehn Minuten vor der Königstochter zu Hause.

„Seht ihr“

, sprach er,

„jetzt habe ich erst die Beine richtig aufgehoben, vorher war das ja gar kein Laufen.“

Die eiserne Kammer

Den König kränkte es aber, und seine Tochter noch mehr, dass sie von einem einfachen, abgedankten Soldaten davongetragen werden sollte. Sie ratschlagten miteinander, wie sie ihn samt seinen Gesellen loswerden könnten.

Da sprach der König zu ihr:

„Ich habe ein Mittel gefunden. Lass dir nicht bang sein, sie sollen nicht wieder nach Hause kommen.“

Er ging zu ihnen und sprach:

„Ihr sollt euch nun zusammen lustig machen, essen und trinken.“

Er führte sie in eine Stube, die einen Boden aus Eisen hatte, deren Türen ebenfalls aus Eisen waren und deren Fenster mit eisernen Stäben verwahrt waren. In der Stube stand eine Tafel, die mit köstlichen Speisen besetzt war. Der König sprach zu ihnen:

„Geht hinein und lasst es euch gut gehen.“

Sobald sie darin waren, ließ er die Tür verschließen und verriegeln. Dann rief er den Koch und befahl ihm, so lange ein Feuer unter der Stube zu machen, bis das Eisen glühend würde. Das tat der Koch. Den sechsen in der Stube wurde es, während sie an der Tafel saßen, erst ganz warm, und sie dachten, das käme vom guten Essen. Als die Hitze aber immer größer wurde und sie hinaus wollten, Tür und Fenster jedoch verschlossen fanden, merkten sie, dass der König Böses im Sinn hatte und sie ersticken wollte.

„Es soll ihm aber nicht gelingen“

, sprach der mit dem Hütchen.

„Ich will einen Frost kommen lassen, vor dem sich das Feuer schämen und verkriechen soll.“

Er setzte sein Hütchen gerade, und augenblicklich fiel ein so starker Frost ein, dass alle Hitze verschwand und die Speisen auf den Schüsseln zu frieren anfingen.

Als ein paar Stunden vergangen waren und der König glaubte, sie wären in der Hitze verschmachtet, ließ er die Tür öffnen, um selbst nach ihnen zu sehen. Doch als die Tür aufging, standen alle sechse frisch und gesund da. Sie sagten, es sei ihnen lieb, dass sie heraus könnten, um sich zu wärmen, denn bei der großen Kälte in der Stube frören die Speisen an den Schüsseln fest.

Da ging der König voll Zorn hinab zum Koch, schalt ihn und fragte, warum er nicht getan habe, was ihm befohlen worden war. Der Koch antwortete:

„Es ist Glut genug da, seht nur selbst.“

Da sah der König, dass ein gewaltiges Feuer unter der Eisenstube brannte, und begriff, dass er den sechsen auf diese Weise nichts anhaben konnte.

Der riesige Sack voll Gold

Nun sann der König aufs Neue nach, wie er die lästigen Gäste loswerden könnte. Er ließ den Anführer kommen und sprach:

„Wenn du Gold nimmst und dein Recht auf meine Tochter aufgibst, sollst du haben, so viel du willst.“

„O ja, Herr König“

, antwortete er,

„gebt mir so viel, wie mein Diener tragen kann, so verlange ich eure Tochter nicht mehr.“

Der König war damit einverstanden, und jener sprach weiter:

„So will ich in vierzehn Tagen kommen und es abholen.“

Darauf rief der Mann alle Schneider aus dem ganzen Reich herbei. Sie mussten vierzehn Tage lang zusammensitzen und einen riesigen Sack nähen. Als er fertig war, musste der Starke, der die Bäume ausreißen konnte, den Sack auf die Schulter nehmen und mit ihm zum König gehen.

Der König sprach erstaunt:

„Was ist das für ein gewaltiger Kerl, der einen Ballen Leinwand so groß wie ein Haus auf der Schulter trägt?“

Er erschrak und dachte:

„Was wird der für Gold wegschleppen!“

Er ließ eine Tonne Gold herbeibringen, die sechzehn der stärksten Männer tragen mussten. Aber der Starke packte sie mit einer Hand, steckte sie in den Sack und sprach:

„Warum bringt ihr nicht gleich mehr? Das deckt ja kaum den Boden!“

Da ließ der König nach und nach seinen ganzen Schatz herbeitragen. Den schob der Starke in den Sack hinein, und der Sack wurde davon noch nicht einmal zur Hälfte voll.

„Schafft mehr herbei!“

, rief er.

„Die paar Brocken füllen ihn nicht.“

Da mussten noch siebentausend Wagen mit Gold aus dem ganzen Reich zusammengefahren werden. Die schob der Starke samt den vorgespannten Ochsen in seinen Sack.

„Ich will es nicht lange ansehen“

, sprach er,

„und nehmen, was kommt, damit der Sack nur voll wird.“

Obwohl alles darin steckte, ging immer noch viel hinein. Da sprach er:

„Ich will der Sache ein Ende machen. Man bindet einen Sack ja auch mal zu, wenn er noch nicht ganz voll ist.“

Er lud ihn sich auf den Rücken und ging mit seinen Gefährten fort.

Die Flucht der sechs Gefährten

Als der König sah, wie dieser einzige Mann den Reichtum des ganzen Landes forttrug, wurde er zornig und ließ seine Reiterei aufsitzen. Sie sollten den sechsen nachjagen und hatten den Befehl, dem Starken den Sack wieder abzunehmen.

Zwei Regimenter holten sie bald ein und riefen ihnen zu:

„Ihr seid Gefangene! Legt den Sack mit dem Gold nieder, oder ihr werdet zusammengehauen!“

„Was sagt ihr?“

, sprach der Bläser.

„Wir wären Gefangene? Eher sollt ihr alle in der Luft herumtanzen!“

Er hielt das eine Nasenloch zu und blies mit dem anderen die beiden Regimenter an. Da flogen sie auseinander und in die blaue Luft über alle Berge weg – der eine hierhin, der andere dorthin.

Ein Feldwebel rief um Gnade. Er habe neun Wunden und sei ein braver Kerl, der diesen Schimpf nicht verdiene. Da ließ der Bläser ein wenig nach, sodass er ohne Schaden wieder auf die Erde herunterkam. Dann sprach er zu ihm:

„Nun geh heim zum König und sag ihm, er solle nur noch mehr Reiterei schicken, ich wollte sie alle in die Luft blasen.“

Als der König diese Nachricht erhielt, sprach er:

„Lasst die Kerle gehen, die haben besondere Kräfte.“

Da brachten die sechs Gefährten den Reichtum nach Hause, teilten ihn unter sich auf und lebten vergnügt bis an ihr Ende.