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Märchenstern - Märchen lesen und erleben
Märchen lesen und erleben

Armut und Demut führen zum Himmel

⏱ Lesedauer: ca. 3 Min.

Der Königssohn und der Bettler

Es war einmal ein Königssohn, der ging hinaus in das Feld und war nachdenklich und traurig. Er sah den Himmel an – der war so schön rein und blau. Da seufzte er und sprach: „Wie wohl muss einem erst da oben im Himmel sein!"

Da erblickte er einen armen greisen Mann, der des Weges daherkam. Er redete ihn an und fragte: „Wie kann ich wohl in den Himmel kommen?"

Der Mann antwortete: „Durch Armut und Demut. Leg meine zerrissenen Kleider an, wandere sieben Jahre in der Welt umher und lerne ihr Elend kennen. Nimm kein Geld – wenn du hungerst, bitte mitleidige Herzen um ein Stückchen Brot. So wirst du dich dem Himmel nähern."

Sieben Jahre Wanderschaft

Da zog der Königssohn seinen prächtigen Rock aus und hängte dafür das Bettlergewand um. Er ging hinaus in die weite Welt und duldete großes Elend. Er nahm kaum ein wenig Essen an, sprach nicht, sondern betete zu dem Herrn, dass er ihn einmal in seinen Himmel aufnehmen wolle.

Als die sieben Jahre herum waren, kam er wieder an seines Vaters Schloss – doch niemand erkannte ihn. Er sprach zu den Dienern: „Geht und sagt meinen Eltern, dass ich wiedergekommen bin." Aber die Diener glaubten es nicht, lachten und ließen ihn stehen.

Da sprach er: „Geht und sagt es meinen Brüdern, dass sie herab kommen – ich möchte sie so gerne wiedersehen." Sie wollten auch nicht, bis endlich einer von ihnen zu den Königskindern ging. Doch auch diese glaubten es nicht und kümmerten sich nicht darum.

Unter der Treppe

Da schrieb er einen Brief an seine Mutter und beschrieb ihr darin all sein Elend – sagte aber nicht, dass er ihr Sohn sei. Da ließ ihm die Königin aus Mitleid einen Platz unter der Treppe anweisen und ihm täglich durch zwei Diener Essen bringen.

Der eine Diener aber war bös: Er behielt das gute Essen für sich oder gab es den Hunden und brachte dem Schwachen, Abgezehrten nur Wasser. Der andere war ehrlich und brachte ihm, was er für ihn bekam. Es war wenig, doch konnte er davon eine Zeit lang leben. Er war dabei ganz geduldig, bis er immer schwächer ward.

Der selige Tod

Als seine Krankheit zunahm, begehrte er das heilige Abendmahl zu empfangen. Wie es nun mitten in der Messe ist, fangen von selbst alle Glocken in der Stadt und in der Gegend an zu läuten.

Der Geistliche geht nach der Messe zu dem armen Mann unter der Treppe – da liegt er tot. In der einen Hand hält er eine Rose, in der anderen eine Lilie, und neben ihm liegt ein Papier, darauf seine Geschichte aufgeschrieben steht.

Als er begraben war, wuchs auf der einen Seite des Grabes eine Rose, auf der anderen eine Lilie heraus.