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Märchenstern - Märchen lesen und erleben
Märchen lesen und erleben

Das Eselein

⏱ Lesedauer: ca. 7 Min.

Die sonderbare Geburt und die Musik

Es lebte einmal ein König und eine Königin, die waren reich und hatten alles, was sie sich wünschten, nur keine Kinder. Darüber klagte die Königin Tag und Nacht und sprach:

„Ich bin wie ein Acker, auf dem nichts wächst.“

Endlich erfüllte Gott ihre Wünsche. Als das Kind aber zur Welt kam, sah es nicht aus wie ein Menschenkind, sondern war ein junges Eselein. Wie die Mutter das erblickte, fing ihr Jammer und Geschrei erst recht an. Sie hätte lieber gar kein Kind gehabt als einen Esel und sagte, man sollte ihn ins Wasser werfen, damit ihn die Fische fräßen.

Der König aber sprach:

„Nein, da Gott ihn gegeben hat, soll er auch mein Sohn und Erbe sein. Nach meinem Tod soll er auf dem königlichen Thron sitzen und die königliche Krone tragen.“

Also wurde das Eselein aufgezogen. Es wuchs heran, und auch seine Ohren wuchsen fein hoch und gerade hinauf. Es war sonst von fröhlicher Art, sprang herum, spielte und hatte besonders seine Freude an der Musik. Da ging es zu einem berühmten Spielmann und sprach:

„Lehre mich deine Kunst, damit ich die Laute ebenso gut spielen kann wie du.“

„Ach, liebes Herrlein“

, antwortete der Spielmann,

„das dürfte euch schwerfallen. Eure Finger sind nicht dafür gemacht und viel zu groß. Ich fürchte, die Saiten halten das nicht aus.“

Doch da half keine Ausrede: Das Eselein wollte und musste die Laute spielen. Es war beharrlich und fleißig und lernte es am Ende so gut wie sein Meister selbst.

Die Reise in die Fremde

Einmal ging das junge Herrlein nachdenklich spazieren und kam an einen Brunnen. Es schaute hinein und sah im spiegelhellen Wasser seine Eselgestalt. Darüber wurde es so betrübt, dass es beschloss, in die weite Welt zu ziehen, und nur einen einzigen treuen Gefährten mitnahm.

Sie zogen auf und ab. Zuletzt kamen sie in ein Reich, in dem ein alter König herrschte, der nur eine einzige, aber wunderschöne Tochter hatte. Das Eselein sagte:

„Hier wollen wir weilen.“

Es klopfte ans Tor und rief:

„Es steht ein Gast draußen, macht auf, damit er eintreten kann!“

Als jedoch nicht geöffnet wurde, setzte er sich hin, nahm seine Laute und spielte sie mit seinen zwei Vorderfüßen aufs Lieblichste. Da sperrte der Torhüter weit die Augen auf, lief zum König und sprach:

„Da draußen vor dem Tor sitzt ein junges Eselein und spielt die Laute wie ein gelernter Meister.“

„So lass mir den Musikanten hereinkommen!“

, sprach der König.

Als nun ein Eselein hereintrat, fingen alle an, über den Lautenspieler zu lachen. Das Eselein sollte unten zu den Knechten gesetzt und dort gespeist werden, aber es wurde unwillig und sprach:

„Ich bin kein gemeiner Esel für den Stall, ich bin ein vornehmer.“

Da sagten sie:

„Wenn du das bist, dann setze dich zum Kriegsvolk.“

„Nein“

, sprach es,

„ich will beim König sitzen.“

Der König lachte und sprach gut gelaunt:

„Ja, es soll so sein, wie du verlangst. Eselein, komm her zu mir.“

Danach fragte er:

„Eselein, wie gefällt dir meine Tochter?“

Das Eselein drehte den Kopf nach ihr, schaute sie an, nickte und sprach:

„Außerordentlich gut! Sie ist so schön, wie ich noch keine andere gesehen habe.“

„Nun, dann sollst du auch neben ihr sitzen“

, sagte der König.

„Das ist mir recht“

, sprach das Eselein, setzte sich an ihre Seite und aß und trank, wobei es sich fein und säuberlich zu benehmen wusste.

Das Geheimnis in der Hochzeitsnacht

Als das edle Tierchen eine ganze Zeit lang an des Königs Hof geblieben war, dachte es:

„Was hilft das alles, du musst wieder heim.“

Es ließ den Kopf traurig hängen, trat vor den König und bat um seinen Abschied.

Der König hatte es aber liebgewonnen und sprach:

„Eselein, was ist mit dir? Du schaust ja so sauer drein wie ein Essigkrug. Bleib bei mir, ich will dir geben, was du verlangst. Willst du Gold?“

„Nein“

, sagte das Eselein und schüttelte den Kopf.

„Willst du Kostbarkeiten und Schmuck?“

„Nein.“

„Willst du mein halbes Reich?“

„Ach nein.“

Da sprach der König:

„Wenn ich nur wüsste, was dich glücklich machen könnte. Willst du meine schöne Tochter zur Frau?“

„Ach ja!“

, sagte das Eselein,

„die möchte ich wohl haben.“

Da war es auf einmal wieder ganz lustig und guter Dinge, denn das war genau das, was es sich gewünscht hatte.

Also wurde eine große und prächtige Hochzeit gefeiert.

Als Braut und Bräutigam am Abend in ihr Schlafkämmerlein geführt wurden, wollte der König wissen, ob sich das Eselein auch fein artig und manierlich verhielt, und befahl einem Diener, sich dort zu verstecken.

Als sie nun beide drinnen waren, schob der Bräutigam den Riegel vor die Tür, blickte sich um und warf, da er sich ganz allein glaubte, plötzlich seine Eselshaut ab. Da stand er da als ein wunderschöner, königlicher Jüngling.

„Nun siehst du, wer ich bin“

, sprach er,

„und siehst auch, dass ich deiner nicht unwürdig war.“

Da wurde die Braut froh, küsste ihn und hatte ihn von Herzen lieb. Als aber der Morgen graute, sprang er auf, zog seine Tierhaut wieder an, und kein Mensch hätte geahnt, was für ein schöner Jüngling sich dahinter verbarg.

Die verbrannte Eselshaut

Bald darauf kam auch der alte König gegangen.

„Ei“

, rief er,

„ist das Eselein schon munter? Du bist wohl recht traurig“

, sagte er zu seiner Tochter,

„dass du keinen ordentlichen Menschen zum Mann bekommen hast?“

„Ach nein, lieber Vater, ich habe ihn so lieb, als wäre er der allerschönste Mann auf der Welt, und ich will ihn mein Lebtag behalten.“

Der König wunderte sich sehr. Da trat der Diener hervor, der sich versteckt hatte, und offenbarte ihm alles. Der König sprach:

„Das kann doch nicht wahr sein!“

„So wacht in der folgenden Nacht selbst, Herr König. Ihr werdet es mit eigenen Augen sehen. Und wisst ihr was? Nehmt ihm die Haut weg und werft sie ins Feuer, dann muss er wohl in seiner wahren Gestalt bleiben.“

„Dein Rat ist gut“

, sprach der König.

Am Abend, als das Paar schlief, schlich sich der König leise ins Zimmer. Als er an das Bett trat, sah er im Mondschein einen stolzen Jüngling schlafen, und die Eselshaut lag abgestreift auf dem Boden. Da nahm er sie heimlich weg, ließ draußen ein großes Feuer anzünden und warf die Haut hinein. Er blieb selbst dabei stehen, bis sie ganz zu Asche verbrannt war.

Weil er aber sehen wollte, wie sich der Jüngling am Morgen verhalten würde, blieb er die Nacht über wach und lauschte an der Tür.

Als der Jüngling beim ersten Morgenschimmer aufstand und seine Eselshaut anziehen wollte, war diese nirgends zu finden. Da erschrak er zutiefst und sprach voll Trauer und Angst:

„Nun muss ich sehen, dass ich von hier fliehe!“

Doch als er aus der Kammer trat, stand der König da und sprach:

„Mein Sohn, wohin so eilig? Was hast du vor? Bleib hier. Du bist ein so schöner Mann, du sollst nicht wieder von mir gehen. Ich gebe dir sogleich mein halbes Reich, und nach meinem Tod sollst du das ganze besitzen.“

„So wünsche ich, dass dieser gute Anfang auch ein gutes Ende nimmt“

, sprach der Jüngling.

„Ich bleibe bei euch.“

Da gab ihm der alte König das halbe Reich. Und als der König ein Jahr darauf starb, erbte der Jüngling das ganze Reich und nach dem Tod seines leiblichen Vaters noch ein weiteres dazu. So lebte er fortan in aller Herrlichkeit.