Autor: Gebrüder Grimm
Die Bitte der drei Töchter
Es war einmal ein Mann, der hatte eine große Reise vor. Beim Abschied fragte er seine drei Töchter, was er ihnen mitbringen sollte. Da wollte die älteste Perlen, die zweite wollte Diamanten, die dritte aber sprach:
Der Vater sagte:
, küsste alle drei und zog fort.
Als nun die Zeit kam, dass er wieder auf dem Heimweg war, hatte er Perlen und Diamanten für die zwei ältesten gekauft. Aber das singende, springende Löweneckerchen für die jüngste hatte er umsonst an allen Orten gesucht. Das tat ihm leid, denn sie war sein liebstes Kind.
Das Versprechen im Wald
Da führte ihn der Weg durch einen Wald, und mitten darin war ein prächtiges Schloss. Nahe am Schloss stand ein Baum, und ganz oben auf der Spitze des Baumes sah er eine Lerche singen und springen.
, sagte er ganz vergnügt und rief seinem Diener, er sollte hinaufsteigen und das Tierchen fangen. Wie er aber zu dem Baum trat, sprang ein Löwe darunter auf, schüttelte sich und brüllte, dass das Laub an den Bäumen zitterte.
, rief er,
Da sagte der Mann:
Der Löwe sprach:
Der Mann aber weigerte sich und sprach:
Dem Diener aber war angst und er sagte:
Da ließ sich der Mann überreden, nahm das Löweneckerchen und versprach dem Löwen zu eigen, was ihm daheim zuerst begegnen würde.
Das Leben mit dem Löwen
Wie er daheim anlangte und in sein Haus eintrat, war das erste, was ihm begegnete, niemand anderes als seine jüngste, liebste Tochter. Sie kam gelaufen, küsste und herzte ihn. Als sie sah, dass er ein singendes, springendes Löweneckerchen mitgebracht hatte, war sie außer sich vor Freude.
Der Vater aber konnte sich nicht freuen, sondern fing an zu weinen und sagte:
Er erzählte ihr alles, wie es zugegangen war, und bat sie, nicht dorthin zu gehen, es möge kommen, was wolle.
Sie tröstete ihn aber und sprach:
Am anderen Morgen ließ sie sich den Weg zeigen, nahm Abschied und ging getrost in den Wald hinein.
Der Löwe aber war ein verzauberter Königssohn. Am Tag war er ein Löwe, und mit ihm wurden alle seine Leute zu Löwen. In der Nacht aber hatten sie ihre natürliche menschliche Gestalt. Bei ihrer Ankunft wurde sie freundlich empfangen und in das Schloss geführt. Als die Nacht kam, war er ein schöner Mann, und die Hochzeit wurde mit Pracht gefeiert. Sie lebten vergnügt miteinander, wachten in der Nacht und schliefen am Tag.
Der verhängnisvolle Strahl
Nach einiger Zeit kam er und sagte:
Da sagte sie Ja, sie möchte gern ihren Vater wiedersehen, fuhr hin und wurde von den Löwen begleitet. Da war große Freude, als sie ankam, denn sie hatten alle geglaubt, sie wäre von dem Löwen zerrissen worden und lebe schon lange nicht mehr. Sie erzählte aber, was für einen schönen Mann sie hätte und wie gut es ihr ginge. Sie blieb bei ihnen, solange die Hochzeit dauerte, und fuhr dann wieder zurück in den Wald.
Als die zweite Tochter heiratete und sie wieder zur Hochzeit eingeladen war, sprach sie zum Löwen:
Der Löwe aber sagte, das wäre zu gefährlich für ihn. Denn wenn ihn dort der Strahl eines brennenden Lichts berührte, würde er in eine Taube verwandelt und müsste sieben Jahre lang mit den Tauben fliegen.
, sagte sie,
Also zogen sie zusammen und nahmen auch ihr kleines Kind mit. Sie ließ dort einen Saal mauern, so stark und dick, dass kein Strahl durchdringen konnte; darin sollte er sitzen, wenn die Hochzeitslichter angezündet würden. Die Tür aber war aus frischem Holz gemacht; das sprang und bekam einen kleinen Riss, den kein Mensch bemerkte.
Nun wurde die Hochzeit mit Pracht gefeiert. Als aber der Zug aus der Kirche zurückkam, mit den vielen Facken und Lichtern an dem Saal vorbei, fiel ein haarbreiter Strahl auf den Königssohn. In dem Moment, als dieser Strahl ihn berührt hatte, war er auch schon verwandelt. Als sie hineinkam und ihn suchte, sah sie ihn nicht, aber es saß da eine weiße Taube.
Auf der Suche nach der weißen Taube
Die Taube sprach zu ihr:
Da flog die Taube zur Tür hinaus und sie folgte ihr nach. Alle sieben Schritte fiel ein rotes Blutströpfchen und ein weißes Federchen herab und zeigte ihr den Weg. So ging sie immerzu in die weite Welt hinein, schaute nicht um sich und ruhte sich nicht aus. Als fast die sieben Jahre herum waren, freute sie sich und meinte, sie wären bald erlöst; doch sie war noch weit davon.
Einmal, als sie so fortging, fiel kein Federchen mehr und auch kein rotes Blutströpfchen. Als sie die Augen aufschlug, war die Taube verschwunden. Weil sie dachte:
, stieg sie zur Sonne hinauf und sagte zu ihr:
, sagte die Sonne,
Da dankte sie der Sonne und ging weiter, bis es Abend war und der Mond schien. Da fragte sie ihn:
, sagte der Mond,
Da dankte sie dem Mond und ging weiter, bis der Nachtwind herankam und sie anblies. Da sprach sie zu ihm:
, sagte der Nachtwind,
Der Ostwind und der Westwind kamen und hatten nichts gesehen. Der Südwind aber sprach:
Da sagte der Nachtwind zu ihr:
Der Kampf am roten Meer
Da ging sie hin und fand alles so, wie der Nachtwind gesagt hatte. Sie zählte die Ruten am Meer, schnitt die elfte ab und schlug damit den Lindwurm, worauf der Löwe ihn bezwang. Alsbald hatten beide ihren menschlichen Leib wieder. Aber wie die Königstochter, die vorher ein Lindwurm gewesen war, vom Zauber frei war, nahm sie den Jüngling in den Arm, setzte sich auf den Vogel Greif und führte ihn mit sich fort.
Da stand die arme Weitgewanderte und war wieder verlassen. Sie setzte sich nieder und weinte. Endlich aber ermutigte sie sich und sprach:
Das Schloss der Zauberin
Sie ging fort, lange, lange Wege, bis sie endlich zu dem Schloss kam, wo beide zusammen lebten. Da hörte sie, dass bald ein Fest wäre, bei dem sie Hochzeit miteinander feiern wollten. Sie sprach aber:
, und öffnete das Kästchen, das ihr die Sonne gegeben hatte. Da lag ein Kleid darin, so glänzend wie die Sonne selber.
Sie nahm es heraus, zog es an und ging hinauf in das Schloss. Alle Leute und die Braut selbst sahen sie mit Verwunderung an. Das Kleid gefiel der Braut so gut, dass sie dachte, es könnte ihr Hochzeitskleid werden, und fragte, ob es nicht feil wäre.
, antwortete sie,
Die Braut fragte, was sie damit meinte. Da sagte sie:
Die Braut wollte nicht, wollte aber doch gerne das Kleid haben. Endlich willigte sie ein, aber der Kammerdiener musste dem Königssohn einen Schlaftrunk geben. Als es nun Nacht war und der Jüngling schon schlief, wurde sie in die Kammer geführt. Sie setzte sich ans Bett und sagte:
Der Königssohn aber schlief so tief, dass es ihm nur vorkam, als rausche der Wind draußen in den Tannenbäumen. Als der Morgen anbrach, wurde sie wieder hinausgeführt und musste das goldene Kleid hingeben.
Als auch das nichts geholfen hatte, wurde sie traurig, ging hinaus auf eine Wiese, setzte sich dort hin und weinte. Und wie sie so saß, fiel ihr das Ei noch ein, das ihr der Mond gegeben hatte. Sie schlug es auf, da kam eine Glucke heraus mit zwölf Küchlein ganz aus Gold. Die liefen herum, piepten und krochen der Alten wieder unter die Flügel, so dass nichts Schöneres auf der Welt zu sehen war.
Sie stand auf, trieb sie auf der Wiese vor sich her, so lange, bis die Braut aus dem Fenster sah. Da gefielen ihr die kleinen Küchlein so gut, dass sie gleich herabkam und fragte, ob sie nicht feil wären.
Die Braut sagte Ja und wollte sie betrügen wie am vorigen Abend.
Die Rettung und Heimkehr
Als aber der Königssohn zu Bett ging, fragte er seinen Kammerdiener, was das Murmeln und Rauschen in der Nacht gewesen sei. Da erzählte der Kammerdiener alles: dass er ihm einen Schlaftrunk hätte geben müssen, weil ein armes Mädchen heimlich in der Kammer geschlafen hätte, und heute Nacht sollte er ihm wieder einen geben. Da sagte der Königssohn:
Zur Nacht wurde sie wieder hereingeführt. Als sie anfing zu erzählen, wie traurig es ihr ergangen war, erkannte er gleich an der Stimme seine liebe Gemahlin, sprang auf und rief:
Da gingen sie beide in der Nacht heimlich aus dem Schloss, denn sie fürchteten sich vor dem Vater der Königstochter, der ein Zauberer war. Sie setzten sich auf den Vogel Greif, der trug sie über das rote Meer. Als sie in der Mitte waren, ließ sie die Nuss fallen. Alsbald wuchs ein großer Nussbaum; darauf ruhte sich der Vogel aus, und dann führte er sie nach Hause. Dort fanden sie ihr Kind, das groß und schön geworden war, und sie lebten von nun an vergnügt bis an ihr Ende.

