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Märchenstern - Märchen lesen und erleben
Märchen lesen und erleben

Dat Erdmänneken

⏱ Lesedauer: ca. 10 Min.

Die verbotenen Äpfel

Es war einmal ein reicher König, der hatte drei Töchter. Die gingen jeden Tag im Schlossgarten spazieren. Der König war ein großer Liebhaber von allerlei schönen Bäumen. Einen Baum hatte er so lieb, dass er denjenigen, der auch nur einen Apfel davon pflückte, hundert Klafter tief unter die Erde verwünschte.

Als es nun Herbst wurde, wurden die Äpfel an dem einen Baum so rot wie Blut. Die drei Töchter gingen jeden Tag unter den Baum und sahen nach, ob der Wind einen Apfel heruntergeschlagen hätte. Aber sie fanden ihr Lebtag keinen. Der Baum hing jedoch so voll, dass er fast brechen wollte, und die Zweige hingen bis auf die Erde.

Da gelüstete es das jüngste Königskind gewaltig, und es sagte zu seinen Schwestern:

„Unser Vater hat uns viel zu lieb, als dass er uns verwünschen würde. Ich glaube, er hat das nur wegen der fremden Leute so bestimmt.“

Und unterdessen pflückte das Kind einen ganz dicken Apfel ab, sprang vor seine Schwestern und sagte:

„Ach, nun schmeckt doch mal, meine lieben Schwesterchen! Ich habe mein Lebtag noch nie so etwas Feines geschmeckt.“

Da bissen die beiden anderen Königstöchter auch einmal in den Apfel, und sofort versanken sie alle drei tief unter die Erde, sodass kein Hahn mehr nach ihnen krähte.

Die Suche nach den Königstöchtern

Als es Mittag war, wollte der König sie zu Tisch rufen, aber sie waren nirgends zu finden. Er suchte sie im ganzen Schloss und im Garten, konnte sie aber nicht finden. Da wurde er sehr betrübt und ließ im ganzen Land ausrufen: Wer ihm seine Töchter wiederbrächte, sollte eine davon zur Frau haben.

Da gingen viele junge Leute über das Feld und suchten, denn jeder hätte die drei Kinder gern gehabt, weil sie gegen jedermann so freundlich und schön von Angesicht waren. Es zogen auch drei Jägerburschen aus. Als sie wohl acht Tage gereist waren, kamen sie an ein großes Schloss. Darin waren hübsche Stuben, und in einem Zimmer war ein Tisch gedeckt, darauf standen süße Speisen, die noch so warm waren, dass sie dampften. Aber im ganzen Schloss war kein Mensch zu hören noch zu sehen.

Sie warteten noch einen halben Tag, und die Speisen blieben immer warm und dampften. Schließlich wurden sie so hungrig, dass sie sich dazusetzten und aßen. Sie machten miteinander aus, sie wollten auf dem Schloss wohnen bleiben und darum losen, wer im Hause bliebe und welche beiden anderen die Töchter suchten. Das taten sie auch, und das Los traf den ältesten.

Das Erdmännchen und der dumme Hans

Am nächsten Tag gingen die zwei jüngeren suchen, und der älteste musste zu Hause bleiben. Am Mittag kam ein ganz kleines Männchen und bat um ein Stückchen Brot. Da nahm er von dem Brot, das er dort gefunden hatte, schnitt ein Stück rund um das Brot weg und wollte es dem Männchen geben. Doch während er es ihm reichte, ließ das kleine Männchen das Brot fallen und sagte, er solle doch so gut sein und ihm das Stück wiedergeben. Als er das tun wollte und sich bückte, nahm das Männchen einen Stock, packte ihn bei den Haaren und gab ihm tüchtige Schläge.

Am zweiten Tag blieb der zweite Bruder zu Hause, und dem erging es nicht besser. Als die beiden anderen am Abend nach Hause kamen, sagte der älteste:

„Nun, wie ist es dir ergangen?“

„Oh, es ging mir ganz schlecht.“

Da klagten sie einander ihre Not, aber dem jüngsten sagten sie nichts davon. Sie mochten ihn gar nicht leiden und nannten ihn immer nur den

„dummen Hans“

, weil er nicht recht von der Welt war.

Am dritten Tag blieb der jüngste zu Hause. Da kam das kleine Männchen wieder und bat um ein Stückchen Brot. Als Hans es ihm gegeben hatte, ließ es das Männchen wieder fallen und bat ihn, das Stückchen wieder aufzuheben. Da sagte Hans zu dem kleinen Männchen:

„Was! Kannst du das Stück nicht selbst wieder aufheben? Wenn du dir die Mühe für deine tägliche Nahrung nicht geben willst, bist du es auch nicht wert, dass du sie isst.“

Da wurde das Männchen sehr böse und sagte, er müsse es tun. Hans aber war nicht faul, nahm das Männchen und drosch es tüchtig durch. Da schrie das Männchen sehr und rief:

„Hör auf, hör auf, und lass mich gehen! Dann will ich dir auch sagen, wo die Königstöchter sind.“

Der Abstieg in den Brunnen

Als er das hörte, hörte er auf zu schlagen. Das Männchen erzählte, es sei ein Erdmännchen, und von seiner Sorte gäbe es mehr als tausend. Er solle nur mit ihm gehen, dann wolle er ihm zeigen, wo die Königstöchter wären. Da zeigte er ihm einen tiefen Brunnen, in dem aber kein Wasser war. Das Männchen sagte, es wisse wohl, dass die Gefährten es nicht ehrlich mit ihm meinten. Wenn er die Königskinder erlösen wolle, müsse er es alleine tun. Die beiden anderen Brüder wollten die Königstöchter zwar auch gern haben, scheuten aber Mühe und Gefahr.

Er müsse einen großen Korb nehmen, sich mit seinem Hirschfänger und einer Schelle hineinsetzen und sich hinunterlassen. Unten wären drei Zimmer, in jedem säße ein Königskind und hätte einen Drachen mit vielen Köpfen zu lausen; dem müsste er die Köpfe abschlagen. Als das Erdmännchen das alles gesagt hatte, verschwand es.

Als es Abend war, kamen die beiden anderen und fragten, wie es ihm ergangen sei. Da sagte er:

„Oh, soweit ganz gut.“

Er habe keinen Menschen gesehen, außer am Mittag, da sei so ein kleines Männchen gekommen und habe um ein Stückchen Brot gebettelt. Als er es ihm gegeben hatte, habe das Männchen es fallen lassen und gebeten, er solle es wieder aufheben. Weil er das nicht tun wollte, habe das Männchen gedroht. Hans habe das Männchen daraufhin verprügelt, und da habe es ihm erzählt, wo die Königstöchter seien. Da ärgerten sich die beiden so sehr, dass sie gelb und grün wurden.

Die Rettung der Prinzessinnen

Am nächsten Morgen gingen sie zusammen zum Brunnen und losten, wer sich zuerst in den Korb setzen sollte. Das Los fiel wieder auf den ältesten. Er setzte sich hinein und nahm die Glocke mit. Er sagte:

„Wenn ich klingele, müsst ihr mich schnell wieder heraufziehen.“

Als er ein kleines Stück hinunter war, klingelte er schon, und sie zogen ihn wieder herauf. Da setzte sich der zweite hinein, der machte es ebenso.

Nun kam die Reihe an den jüngsten. Der ließ sich ganz bis nach unten hinablassen. Als er aus dem Korb gestiegen war, nahm er seinen Hirschfänger, stellte sich vor die erste Tür und lauschte. Da hörte er den Drachen ganz laut schnarchen. Er machte langsam die Tür auf. Da saß die eine Königstochter und hatte auf ihrem Schoß neun Drachenköpfe liegen und lauste sie. Hans nahm seinen Hirschfänger und hieb zu; da waren die neun Köpfe ab. Die Königstochter sprang auf, fiel ihm um den Hals, drückte und küsste ihn und gab ihm ihr Bruststück aus reinem Gold, das sie ihm umhängte.

Danach ging er auch zur zweiten Königstochter. Die hatte einen Drachen mit sieben Köpfen zu lausen, und er erlöste sie ebenfalls. Schließlich ging er zur jüngsten, die einen vierköpfigen Drachen zu lausen hatte. Da freuten sie sich alle sehr, drückten und küssten ihn ohne Aufhören.

Der Verrat der Brüder

Da klingelte er so kräftig, bis man es oben hörte. Er setzte die Königstöchter eine nach der anderen in den Korb und ließ sie alle drei heraufziehen. Als die Reihe an ihn kam, fielen ihm die Worte des Erdmännchens wieder ein, dass seine Gefährten es nicht gut mit ihm meinten. Er nahm einen großen Stein, der dort lag, und legte ihn in den Korb. Als der Korb ungefähr bis zur Mitte heraufgezogen war, schnitten die falschen Brüder oben das Strick ab, sodass der Korb mit dem Stein auf den Grund fiel. Sie meinten, Hans sei nun tot, liefen mit den drei Königstöchtern weg und ließen sich von ihnen versprechen, dem Vater zu sagen, dass die beiden älteren sie erlöst hätten. So kamen sie zum König und begehrten sie zu Frauen.

Die Flucht aus der Tiefe

Unterdessen ging der jüngste Jägerbursche ganz betrübt in den drei Kammern umher und dachte, er müsse nun sterben. Da sah er an der Wand eine Flöte hängen und sagte:

„Warum hängst du wohl da? Hier kann ja doch keiner lustig sein.“

Er betrachtete auch die Drachenköpfe und sagte:

„Ihr könnt mir nun auch nicht helfen.“

Er ging so oft auf und ab, dass der Erdboden davon ganz glatt wurde.

Schließlich bekam er andere Gedanken. Er nahm die Flöte von der Wand und blies ein Stückchen. Auf einmal kamen so viele Erdmännchen herbei; mit jedem Ton, den er spielte, kam eines mehr. Er blies so lange, bis das Zimmer ganz voll war. Die fragten alle, was sein Begehren sei. Da sagte er, er wolle gern wieder hinauf auf die Erde ans Tageslicht. Da fassten sie ihn alle an jedem einzelnen Haar, das er auf dem Kopf hatte, und so flogen sie mit ihm hinauf auf die Erde.

Das gerechte Urteil

Als er oben war, ging er gleich zum Königsschloss, wo gerade die Hochzeit mit der einen Königstochter stattfinden sollte. Er ging in das Zimmer, in dem der König mit seinen drei Töchtern war. Als die Kinder ihn sahen, fielen sie in Ohnmacht. Da wurde der König sehr böse und ließ ihn sofort ins Gefängnis werfen, weil er glaubte, er habe den Kindern ein Leid angetan.

Als die Königstöchter aber wieder zu sich kamen, baten sie inständig, er möchte ihn wieder freilassen. Der König fragte sie, warum. Sie sagten, sie dürften es nicht verraten. Der Vater aber sagte, sie sollten es dem Ofen erzählen. Da ging er hinaus, lauschte an der Tür und hörte alles.

Da ließ er die beiden älteren Brüder an den Galgen hängen, und dem jüngsten gab er die jüngste Tochter zur Frau. Und da zog ich ein Paar gläserne Schuhe an, und da stieß ich an einen Stein, da sagte es:

„Klink!“

– da waren sie entzwei.