Autor: Gebrüder Grimm
Die Prophezeiung und die Jagd
Es war einmal ein König, der hatte einen kleinen Jungen bekommen. In dessen Sternen stand geschrieben, dass er von einem Hirsch umgebracht werden sollte, wenn er sechzehn Jahre alt wäre. Als er nun herangewachsen war, gingen die Jäger einmal mit ihm auf die Jagd. Im Wald verlor der Königssohn die anderen aus den Augen. Auf einmal sah er einen großen Hirsch und wollte ihn erschießen, konnte ihn aber nicht treffen. Schließlich lief der Hirsch so lange vor ihm her, bis sie ganz aus dem Wald heraus waren. Da stand plötzlich anstelle des Hirsches ein großer, langer Mann da und sagte:
Da nahm er ihn mit sich und schleppte ihn durch ein großes Wasser bis zu einem großen Königsschloss. Dort musste er mit an den Tisch und etwas essen.
Die drei Wachen
Als sie zusammen gegessen hatten, sagte der König:
Als die jungen Leute in die Schlafkammer kamen, stand dort ein steinerner Christophorus. Die Königstochter sagte zu ihm:
Da nickte der steinerne Christophorus ganz schnell mit dem Kopf, dann immer langsamer, bis er schließlich wieder stillstand.
Am nächsten Morgen sagte der König zu dem Burschen:
Sie gingen in die Schlafkammer, und dort stand ein noch größerer steinerner Christophorus. Die Königstochter sagte zu ihm:
Da nickte der große steinerne Christophorus wieder ganz schnell mit dem Kopf, dann immer langsamer, bis er schließlich wieder stillstand. Der Königssohn legte sich auf die Türschwelle, legte die Hand unter den Kopf und schlief ein.
Am nächsten Morgen sagte der König zu ihm:
Da gingen sie wieder zusammen in die Schlafkammer. Dort stand ein noch viel größerer und längerer Christophorus als bei den ersten beiden. Die Königstochter sagte zu ihm:
Da nickte der große, lange steinerne Christophorus wohl eine halbe Stunde lang mit dem Kopf, bis der Kopf schließlich wieder stillstand. Der Königssohn legte sich auf die Türschwelle und schlief ein.
Die unmöglichen Aufgaben
Am nächsten Morgen sagte der König:
Er gab ihm eine gläserne Axt, einen gläsernen Keil und eine gläserne Holzhacke mit.
Als der Bursche in den Wald kam und das erste Mal zuschlug, ging die Axt entzwei. Da nahm er den Keil und schlug mit der Hacke darauf, doch da zersprang alles in winzige Stücke, so klein wie Sand. Da war er sehr betrübt, glaubte, er müsse nun sterben, setzte sich hin und weinte.
Als es Mittag war, sagte der König:
–
, sagten die beiden ältesten,
So musste die jüngste Tochter gehen und ihm das Essen bringen. Als sie in den Wald kam, fragte sie ihn, wie es ihm gehe.
, sagte er,
Sie sagte, er solle herkommen und erst einmal ein wenig essen.
, sagte er,
Da gab sie ihm so viele gute Worte und bat ihn, es doch zu versuchen, bis er kam und aß.
Als er gegessen hatte, sagte sie:
Während sie ihn lauste, wurde er müde und schlief ein. Da nahm sie ihr Tuch, machte einen Knoten hinein, schlug damit dreimal auf die Erde und rief:
Da kamen sogleich viele Erdweibchen und Erdmännchen hervor und fragten, was die Königstochter befehle. Sie sagte:
Da gingen die Erdmännchen umher und riefen ihre gesamte Verwandtschaft herbei, damit sie ihnen bei der Arbeit halfen. Sie fingen sogleich an, und als die drei Stunden um waren, war alles erledigt. Sie kamen wieder zur Königstochter und zeigten es ihr. Da nahm sie wieder ihr weißes Tuch und sagte:
Da waren sie alle wieder verschwunden.
Als der Königssohn aufwachte, war er überglücklich. Sie sagte zu ihm:
Das tat er, und der König fragte ihn:
–
, sagte der Königssohn.
Als sie am Tisch saßen, sagte der König:
Der Bursche fragte, was das sein solle.
, sagte der König.
Am nächsten Morgen gab ihm der König eine gläserne Schaufel und sagte:
Der Bursche ging hin. Doch als er die Schaufel in den Schlamm steckte, brach sie ab. Er versuchte es mit der Hacke, doch die ging ebenfalls kaputt. Da wurde er sehr traurig.
Am Mittag brachte ihm die jüngste Tochter wieder das Essen. Sie fragte ihn, wie es ihm gehe. Er antwortete, es gehe ihm ganz schlecht, er werde wohl seinen Kopf verlieren, da das Werkzeug wieder zerbrochen sei.
, sagte sie,
–
, sagte er,
Doch sie redete ihm gut zu, bis er kam und aß.
Wieder lauste sie ihn, und er schlief ein. Sie nahm erneut ihr Tuch, machte einen Knoten hinein, klopfte dreimal auf die Erde und rief:
Da kamen sogleich viele Erdmännchen und fragten nach ihrem Begehren. Der Teich musste in drei Stunden völlig gesäubert sein, glänzen wie ein Spiegel und voller Fische sein. Die Erdmännchen holten ihre Verwandten, und in zwei Stunden war alles fertig. Sie meldeten es der Königstochter, diese schlug wieder mit dem Tuch auf die Erde und rief:
Als der Königssohn aufwachte, war der Teich fertig. Die Königstochter ging fort und sagte ihm, er solle um sechs Uhr nach Hause kommen. Der König fragte ihn:
–
, antwortete der Königssohn, und das war gut.
Als sie wieder beim Essen saßen, sagte der König:
–
, fragte der Königssohn.
Der König erzählte von einem großen Berg, der über und über mit Dornenbüschen bewachsen war. Diese mussten alle abgehauen werden, und oben auf dem Gipfel musste ein großes Schloss gebaut werden, so prächtig, wie man es sich nur vorstellen kann, mit allem Inventar, das in ein Schloss gehört.
Als er am nächsten Morgen aufstand, gab ihm der König eine gläserne Axt und einen gläsernen Bohrer mit und verlangte, dass um sechs Uhr alles fertig sein müsse. Als er mit der Axt den ersten Dornenbusch hieb, zersprang sie in so kleine Stücke, dass sie ihm um die Ohren flogen, und den Bohrer konnte er auch nicht gebrauchen. Da war er ganz verzweifelt und wartete sehnsüchtig auf seine Liebste, dass sie käme und ihm aus der Not hülfe.
Als es Mittag war, kam sie und brachte ihm das Essen. Er ging ihr entgegen, erzählte ihr alles, aß etwas, ließ sich von ihr lausen und schlief ein. Sie nahm wieder ihr Tuch, schlug damit auf die Erde und rief:
Da kamen die Erdmännchen wieder und fragten nach ihren Befehlen. Sie sprach:
Sie riefen ihre Verwandten herbei, und als die Zeit um war, stand das Schloss fertig da. Sie meldeten es der Königstochter, sie rief:
, und alle waren verschwunden.
Als der Königssohn aufwachte und das Schloss sah, war er so froh wie ein Vogel in der Luft. Als es sechs Uhr schlug, gingen sie zusammen nach Hause. Der König fragte:
–
, sagte der Königssohn.
Die Flucht und die Verwandlungen
Als sie am Tisch saßen, sagte der König:
Da wurden der Königssohn und die Königstochter sehr traurig, und der Königssohn wusste sich nicht mehr zu helfen.
In der Nacht kam er heimlich zur Königstochter, und sie flohen gemeinsam. Als sie ein Stück Weges gelaufen waren, blickte sich die Königstochter um und sah ihren Vater hinter ihnen herjagen.
, sagte sie,
Als der Vater an die Stelle kam, stand da nur ein Dornenbusch mit einer Rose daran. Er wollte die Rose abbrechen, doch die Dornen stachen ihn so in die Finger, dass er umkehren und nach Hause gehen musste. Seine Frau fragte ihn, warum er sie nicht mitgebracht habe. Er erzählte, er sei ganz nah an ihnen dran gewesen, habe sie aber plötzlich aus den Augen verloren, und an der Stelle habe nur ein Dornenbusch mit einer Rose gestanden. Da schalt die Königin:
Der König machte sich wieder auf den Weg, um die Rose zu holen. Unterdessen waren die beiden aber schon weit über die Felder entkommen. Wieder blickte sich die Königstochter um und sah ihren Vater kommen. Sie sprach:
Als der König an die Stelle kam, stand dort eine Kirche, und auf der Kanzel stand ein Pastor und predigte. Der König hörte der Predigt eine Weile zu und ging dann wieder nach Hause. Die Königin fragte ihn, warum er sie nicht mitgebracht habe. Er sagte:
–
, rief die Frau.
Als sie eine Weile unterwegs war und die beiden von Weitem sah, blickte sich die Königstochter um. Sie sah ihre Mutter kommen und sprach:
Als die Mutter an die Stelle kam, lag dort ein großer Teich, und in der Mitte sprang fröhlich ein Fisch umher, streckte den Kopf aus dem Wasser und war ganz lustig. Sie wollte den Fisch unbedingt fangen, aber es gelang ihr nicht. Da wurde sie zornig und trank den ganzen Teich aus, um den Fisch zu bekommen. Doch davon wurde ihr so übel, dass sie sich übergeben und den ganzen Teich wieder ausspeien musste.
Da sah sie ein, dass alle Mühe vergebens war, und rief ihnen zu, sie sollten wieder zu ihr kommen. Sie kehrten um, und die Königin gab ihrer Tochter drei Walnüsse und sprach:
Danach gingen die jungen Leute wieder ihres Weges.
Das Vergessen und die drei Nüsse
Als sie wohl zehn Stunden gewandert waren, kamen sie in die Nähe des Schlosses, aus dem der Königssohn stammte. Ganz in der Nähe lag ein Dorf. Da sagte der Königssohn:
Als er auf das Schloss kam, freuten sich alle sehr, den Königssohn wiederzuhaben. Er erzählte, dass er eine Braut habe, die im Dorf warte, und dass sie sie mit einem Wagen holen wollten. Doch als er einsteigen wollte, gab ihm seine Mutter einen Kuss. In diesem Moment vergaß er alles, was geschehen war und was er tun wollte. Die Mutter befahl, die Pferde wieder auszuspannen, und alle gingen wieder ins Haus.
Das Mädchen aber saß im Dorf, wartete und wartete und dachte, er würde sie abholen. Doch niemand kam. Da verdingte sich die Königstochter bei der Mühle, die zum Schloss gehörte, und musste jeden Nachmittag am Wasser sitzen und die Gefäße scheuern.
Einmal kam die Königin vom Schloss herab, ging am Wasser spazieren und sah das schöne Mädchen dort sitzen. Sie sagte:
Sie betrachtete sie aufmerksam, aber niemand erkannte sie.
So verging eine lange Zeit, in der das Mädchen ehrlich und treu beim Müller diente. Unterdessen hatte die Königin eine andere Braut für ihren Sohn gesucht, die aus einem fernen Land stammte. Als die Braut ankam, sollte sogleich die Hochzeit gefeiert werden. Viele Leute liefen zusammen, um das Fest zu sehen. Da bat das Mädchen den Müller, ob sie auch hingehen dürfe. Der Müller sagte:
Bevor sie ging, öffnete sie die erste der drei Walnüsse. Darin lag ein wunderschönes Kleid. Sie zog es an, ging in die Kirche und stellte sich nahe dem Altar auf.
Auf einmal kamen die Braut und der Bräutigam und setzten sich vor den Altar. Als der Pastor sie einsegnen wollte, blickte die Braut zur Seite und sah die fremde Dame stehen. Da stand sie wieder auf und erklärte, sie lasse sich nicht trauen, bevor sie nicht auch so ein prächtiges Kleid habe wie diese Dame.
Sie gingen wieder nach Hause und ließen die Dame fragen, ob sie das Kleid verkaufen wolle. Nein, verkaufen wolle sie es nicht, aber verdienen könne man es sich. Sie fragten sie, was sie denn dafür verlange. Da sagte sie: Wenn sie diese Nacht vor der Kammertür des Königssohns schlafen dürfe, wolle sie ihr das Kleid geben. Sie willigten ein.
Doch die Mutter der neuen Braut befahl den Bediensteten, dem Königssohn einen Schlaftrunk zu geben. Das Mädchen legte sich auf die Schwelle und klagte die ganze Nacht hindurch: Sie habe den Wald für ihn abgeholzt, den Teich für ihn gesäubert, das Schloss für ihn gebaut, ihn in einen Dornenbusch verwandelt, dann in eine Kirche und schließlich in einen Teich, und er habe sie so schnell vergessen. Der Königssohn hörte nichts davon, aber die Bediensteten waren wach geworden, lauschten und wunderten sich, was das zu bedeuten habe.
Am nächsten Morgen zog die Braut das Kleid an und fuhr mit dem Bräutigam wieder zur Kirche. Unterdessen öffnete das schöne Mädchen die zweite Walnuss. Darin lag ein noch schöneres Kleid. Sie zog es an, ging zur Kirche und stellte sich wieder an den Altar. Es geschah genau wie beim ersten Mal.
Das Mädchen verlangte wieder, eine Nacht vor der Zimmertür des Königssohns schlafen zu dürfen. Doch dieses Mal gaben die Bediensteten dem Königssohn keinen Schlaftrunk, sondern etwas, das ihn wach hielt. Als er im Bett lag, hörte er die Müllermaid vor seiner Schwelle klagen und alles aufzählen, was sie für ihn getan hatte. Da wurde er sehr traurig, und alle Erinnerungen an die Vergangenheit stiegen wieder in ihm auf. Er wollte sogleich zu ihr gehen, aber seine Mutter hatte die Tür verschlossen.
Das glückliche Ende
Am nächsten Morgen ging er sofort zu seiner Liebsten und erzählte ihr alles, wie es ihm ergangen war, und bat sie, ihm nicht böse zu sein, dass er sie so lange vergessen hatte.
Da öffnete die Königstochter die dritte Walnuss. Darin lag ein noch viel prächtigeres Kleid. Sie zog es an und fuhr mit ihrem Bräutigam zur Kirche. Viele Kinder kamen, streuten Blumen und hielten bunte Bänder vor ihre Füße. Sie ließen sich einsegnen und feierten eine fröhliche Hochzeit. Die falsche Mutter und die neue Braut aber mussten fortjagen.
Und wer diese Geschichte zuletzt erzählt hat, dem ist der Mund noch warm.

