Märchenstern Logo
Märchenstern - Märchen lesen und erleben
Märchen lesen und erleben

Der arme Müllerbursch und das Kätzchen

⏱ Lesedauer: ca. 7 Min.

Die Aufgabe des Müllers

In einer Mühle lebte ein alter Müller, der hatte weder Frau noch Kinder, und drei Müllerburschen dienten bei ihm. Wie sie nun etliche Jahre bei ihm gewesen waren, sagte er eines Tages zu ihnen:

„Ich bin alt und will mich hinter den Ofen setzen. Zieht aus, und wer mir das beste Pferd nach Hause bringt, dem will ich die Mühle geben, und er soll mich dafür bis an meinen Tod verpflegen.“

Der dritte von den Burschen war aber der Kleinknecht. Er wurde von den anderen für albern gehalten, und sie gönnten ihm die Mühle nicht. Da zogen alle drei miteinander aus.

Als sie vor das Dorf kamen, sagten die zwei älteren zu dem albernen Hans:

„Du kannst nur hierbleiben, du kriegst dein Lebtag keinen Gaul.“

Hans aber ging doch mit. Als es Nacht war, kamen sie an eine Höhle und legten sich schlafen. Die zwei Klugen warteten, bis Hans eingeschlafen war. Dann stiegen sie auf, machten sich heimlich fort und ließen Hänschen liegen, und meinten, es recht fein gemacht zu haben.

Als am Morgen die Sonne kam und Hans aufwachte, lag er allein in der tiefen Höhle. Er guckte sich überall um und rief:

„Ach Gott, wo bin ich!“

Da erhob er sich, krabbelte die Höhle hinauf, ging in den Wald und dachte:

„Ich bin hier ganz allein und verlassen, wie soll ich nun zu einem Pferd kommen!“

Hans im Zauberschloss der Katze

Indem er so in Gedanken dahinging, begegnete ihm ein kleines, buntes Kätzchen. Das sprach ganz freundlich:

„Hans, wo willst du hin?“

„Ach, du kannst mir doch nicht helfen.“

„Was dein Begehren ist, weiß ich wohl“

, sprach das Kätzchen.

„Du willst einen hübschen Gaul haben. Komm mit mir und sei sieben Jahre lang mein treuer Knecht, so will ich dir einen geben, schöner als du dein Lebtag einen gesehen hast.“

„Das ist eine wunderliche Katze“

, dachte Hans,

„aber sehen will ich doch, ob wahr ist, was sie sagt.“

Da nahm sie ihn mit in ihr verwunschenes Schlösschen. Dort hatte sie lauter Kätzchen, die ihr dienten. Sie sprangen flink die Treppen auf und ab, waren lustig und guter Dinge.

Abends, als sie sich zu Tisch setzten, mussten drei von ihnen Musik machen: eines strich den Bass, das andere die Geige, das dritte setzte die Trompete an und blies die Backen auf, so sehr es nur konnte. Als sie gegessen hatten, wurde der Tisch weggetragen, und die Katze sagte:

„Nun komm, Hans, und tanze mit mir.“

„Nein“

, antwortete er,

„mit einer Miezekatze tanze ich nicht, das habe ich noch niemals getan.“

„So bringt ihn ins Bett“

, sagte sie zu den Dienern.

Da leuchtete ihm eines in seine Schlafkammer, eines zog ihm die Schuhe aus, eines die Strümpfe, und zuletzt blies eines das Licht aus. Am anderen Morgen kamen sie wieder und halfen ihm aus dem Bett: eines zog ihm die Strümpfe an, eines band ihm die Strumpfbänder, eines holte die Schuhe, eines wusch ihn, und eines trocknete ihm mit dem Schwanz ganz sanft das Gesicht ab.

Hans musste aber auch der Katze dienen und alle Tage Holz hacken. Dazu bekam er eine Axt aus Silber, und auch die Keile und die Säge waren aus Silber, der Schläger war aus Kupfer. Er hackte das Holz klein, blieb im Haus und hatte gutes Essen und Trinken, sah aber niemanden außer der bunten Katze und ihrem Gesinde.

Einmal sagte sie zu ihm:

„Geh hin und mähe meine Wiese und mache das Gras trocken.“

Sie gab ihm eine Sense aus Silber und einen Wetzstein aus Gold, hieß ihn aber, alles wieder ordentlich abzuliefern. Da ging Hans hin und tat, was ihm geheißen war. Nach vollbrachter Arbeit trug er Sense, Wetzstein und Heu nach Hause und fragte, ob sie ihm noch nicht seinen Lohn geben wollte.

„Nein“

, sagte die Katze,

„du sollst mir erst noch eine Arbeit tun. Hier ist Bauholz aus Silber, Zimmeraxt, Winkeleisen und was nötig ist, alles aus Silber. Daraus baue mir erst ein kleines Häuschen.“

Da baute Hans das Häuschen fertig und sagte, er hätte nun alles getan und hätte noch immer kein Pferd. Doch waren ihm die sieben Jahre vergangen wie ein halbes. Da fragte ihn die Katze, ob er ihre Pferde sehen wollte.

„Ja“

, sagte Hans.

Da öffnete sie die Tür des Häuschens, und wie sie die Tür aufmacht, stehen da zwölf stolze Pferde. Die glänzten und spiegelten sich, dass sein Herz im Leibe darüber lachte. Nun gab sie ihm zu essen und zu trinken und sprach:

„Geh heim, dein Pferd gebe ich dir jetzt noch nicht mit. In drei Tagen aber komme ich und bringe es dir nach.“

Also machte sich Hans auf den Weg, und sie zeigte ihm die Straße zur Mühle. Sie hatte ihm jedoch kein neues Kleid gegeben, sondern er musste sein altes, lumpiges Kittelchen behalten, das er mitgebracht hatte und das ihm in den sieben Jahren überall zu kurz geworden war.

Die Rückkehr zur Mühle

Wie er nun heimkam, waren die beiden anderen Müllerburschen auch wieder da. Jeder hatte zwar sein Pferd mitgebracht, aber das des einen war blind und das des anderen lahm. Sie fragten:

„Hans, wo hast du dein Pferd?“

„In drei Tagen wird es nachkommen.“

Da lachten sie und sagten:

„Ja, Hans, wo willst du ein Pferd herhaben! Das wird wohl was Rechtes sein!“

Hans ging in die Stube, aber der Müller sagte, er solle nicht an den Tisch kommen. Er sei so zerrissen und zerlumpt, dass man sich schämen müsste, wenn jemand hereinkäme. Da gaben sie ihm ein bisschen Essen hinaus, und als sie abends schlafen gingen, wollten ihm die zwei anderen kein Bett geben. Er musste schließlich in den Gänsestall kriechen und sich auf ein wenig hartes Stroh legen.

Die Erlösung der Königstochter

Am Morgen, als er aufwachte, waren die drei Tage bereits herum. Da kam eine prächtige Kutsche mit sechs Pferden gefahren, die glänzten so schön, und ein Bediensteter brachte noch ein siebentes Pferd mit, das für den armen Müllerburschen bestimmt war.

Aus der Kutsche aber stieg eine wunderschöne Königstochter und ging in die Mühle hinein. Diese Königstochter war das kleine, bunte Kätzchen, dem der arme Hans sieben Jahre lang gedient hatte.

Sie fragte den Müller, wo der jüngste Müllerbursche sei. Da sagte der Müller:

„Den können wir nicht in die Mühle lassen, der ist so zerrissen und liegt im Gänsestall.“

Da sagte die Königstochter, sie sollten ihn sofort holen.

Da holten sie ihn heraus, und er musste sein Kittelchen eng zusammenhalten, um sich zu bedecken. Der Bedienstete packte jedoch prächtige Kleider aus, wusch Hans und kleidete ihn an. Als er fertig war, konnte kein König schöner aussehen.

Danach verlangte die Königstochter die Pferde der anderen Burschen zu sehen: eines war blind, das andere lahm. Da ließ sie das siebente Pferd bringen. Als der Müller das sah, sprach er, so ein prachtvolles Pferd sei ihm noch nie auf den Hof gekommen.

„Das ist für den dritten Müllerburschen“

, sagte sie.

„Dann muss er die Mühle haben“

, entschied der Müller.

Die Königstochter aber sprach, Hans solle das Pferd nehmen und der Müller seine Mühle behalten. Sie nahm ihren treuen Hans, setzte ihn in die Kutsche und fuhr mit ihm fort.

Sie fuhren zuerst zu dem kleinen Häuschen, das er mit dem silbernen Werkzeug gebaut hatte. Das war nun ein riesiges Schloss, in dem alles aus Silber und Gold war. Dort heiratete sie ihn, und er war so reich, dass er für sein ganzes Leben ausgesorgt hatte.

Darum soll keiner sagen, dass der, welcher albern ist, deshalb nichts Rechtes werden kann.