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Märchen lesen und erleben

Die Alte im Wald

⏱ Lesedauer: ca. 5 Min.

Allein im Wald

Es fuhr einmal ein armes Dienstmädchen mit seiner Herrschaft durch einen großen Wald. Als sie mitten darin waren, kamen Räuber aus dem Dickicht hervor und ermordeten alle, die sie fanden. Das Mädchen war in der Angst aus dem Wagen gesprungen und hatte sich hinter einem Baum verborgen. Als die Räuber mit ihrer Beute fortgegangen waren, trat es hervor und sah das große Unglück.

Da fing es an, bitterlich zu weinen und sagte: „Was soll ich armes Mädchen nun anfangen? Ich weiß mich nicht aus dem Wald heraus zu finden, keine Menschenseele wohnt darin – so muss ich gewiss verhungern." Es ging umher, suchte einen Weg, konnte aber keinen finden.

Als es Abend war, setzte es sich unter einen Baum, befahl sich Gott und wollte da sitzen bleiben, möchte geschehen, was immer wollte.

Das weiße Täubchen

Als es aber eine Weile da gesessen hatte, kam ein weißes Täubchen zu ihm geflogen und hatte ein kleines goldenes Schlüsselchen im Schnabel. Das Schlüsselchen legte es ihm in die Hand und sprach: „Siehst du dort den großen Baum? Daran ist ein kleines Schloss, das schließ mit dem Schlüsselchen auf, so wirst du Speise genug finden und keinen Hunger mehr leiden."

Da ging es zu dem Baum, schloss ihn auf und fand Milch in einem kleinen Schüsselchen und Weißbrot zum Einbrocken dabei, sodass es sich satt essen konnte. Als es satt war, sprach es: „Jetzt ist es Zeit, wo die Hühner daheim auffliegen, ich bin so müde – könnte ich mich doch auch in mein Bett legen."

Da kam das Täubchen wieder geflogen und brachte ein anderes goldenes Schlüsselchen im Schnabel und sagte: „Schließ dort den Baum auf, so wirst du ein Bett finden." Da schloss es auf und fand ein schönes weiches Bettchen. Es betete zum lieben Gott, er möchte es behüten in der Nacht, legte sich und schlief ein.

Am Morgen kam das Täubchen zum dritten Mal, brachte wieder ein Schlüsselchen und sprach: „Schließ dort den Baum auf, da wirst du Kleider finden." Und wie es aufschloss, fand es Kleider mit Gold und Edelsteinen besetzt, so herrlich, wie sie keine Königstochter hat.

Also lebte es da eine Zeit lang. Das Täubchen kam alle Tage und sorgte für alles, was es bedurfte, und es war ein stilles, gutes Leben.

Die böse Alte

Eines Tages aber kam das Täubchen und sprach: „Willst du mir etwas zuliebe tun?"

„Von Herzen gerne," sagte das Mädchen.

Da sprach das Täubchen: „Ich will dich zu einem kleinen Häuschen führen. Geh hinein – mitten am Herd wird eine alte Frau sitzen und ‚guten Tag' sagen. Aber gib ihr bei Leibe keine Antwort, was sie auch anfangen mag. Geh zu ihrer rechten Hand weiter, da ist eine Tür – die mach auf. So wirst du in eine Stube kommen, wo eine Menge von Ringen allerlei Art auf dem Tisch liegt. Darunter sind prächtige mit glitzernden Steinen – die lass aber liegen und suche einen schlichten heraus, der auch darunter sein muss. Bring ihn zu mir her, so geschwind du kannst."

Das Mädchen ging zu dem Häuschen und trat zur Tür ein. Da saß eine Alte, die machte große Augen, wie sie es erblickte, und sprach: „Guten Tag, mein Kind." Es gab ihr aber keine Antwort und ging auf die Tür zu.

„Wo hinaus?" rief sie und fasste es beim Rock und wollte es festhalten. „Das ist mein Haus, da darf niemand herein, wenn ich es nicht haben will."

Aber das Mädchen schwieg still, machte sich von ihr los und ging geradewegs in die Stube hinein. Da lag auf dem Tisch eine übergroße Menge von Ringen, die glitzten und glimmerten ihm vor den Augen. Es warf sie herum und suchte nach dem schlichten, konnte ihn aber nicht finden.

Die Erlösung

Wie es so suchte, sah es die Alte, wie sie daherschlich und einen Vogelkäfig in der Hand hatte und damit fortgehen wollte. Da ging es auf sie zu und nahm ihr den Käfig aus der Hand. Als es ihn aufhob und hineinsah, saß ein Vogel darin, der hatte den schlichten Ring im Schnabel.

Da nahm es den Ring und lief ganz froh damit aus dem Haus. Es dachte, das weiße Täubchen würde kommen und den Ring holen – aber es kam nicht. Da lehnte es sich an einen Baum und wollte auf das Täubchen warten.

Wie es so stand, war es, als wäre der Baum weich und biegsam und senkte seine Zweige herab. Auf einmal schlangen sich die Zweige um es herum – und waren zwei Arme. Als es sich umsah, war der Baum ein schöner Mann, der es umfasste und herzlich küsste und sagte: „Du hast mich erlöst und aus der Gewalt der Alten befreit, die eine böse Hexe ist. Sie hatte mich in einen Baum verwandelt, und alle Tage ein paar Stunden war ich eine weiße Taube. Solange sie den Ring besaß, konnte ich meine menschliche Gestalt nicht wiedergewinnen."

Da waren auch seine Bedienten und Pferde von dem Zauber frei, die die Hexe ebenfalls in Bäume verwandelt hatte, und standen neben ihm. Da fuhren sie fort in sein Reich, denn er war eines Königs Sohn – und sie heirateten sich und lebten glücklich.