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Märchen lesen und erleben

Die beiden Wanderer

⏱ Lesedauer: ca. 18 Min.

**107.**

Schuster und Schneider auf der Wanderschaft

Berg und Tal begegnen sich nicht, wohl aber die Menschenkinder — zumal gute und böse. So kamen einmal ein Schuster und ein Schneider auf der Wanderschaft zusammen.

Der Schneider war ein kleiner hübscher Kerl und immer lustig und guter Dinge. Er sah den Schuster von der anderen Seite herankommen, und da er an dessen Felleisen merkte, was er für ein Handwerk trieb, rief er ihm ein Spottliedchen zu:

*„Nähe mir die Naht,* *ziehe mir den Draht,* *streich ihn rechts und links mit Pech,* *schlag, schlag mir fest den Zweck."*

Der Schuster konnte keinen Spaß vertragen. Er verzog ein Gesicht, als hätte er Essig getrunken, und machte Miene, das Schneiderlein am Kragen zu packen. Der kleine Kerl fing aber an zu lachen, reichte ihm seine Flasche und sprach: „Es ist nicht bös gemeint, trink einmal und schluck die Galle hinunter." Der Schuster tat einen gewaltigen Schluck, und das Gewitter auf seinem Gesicht fing an sich zu verziehen.

Er gab dem Schneider die Flasche zurück und sprach: „Ich habe ihr ordentlich zugesprochen. Man sagt wohl vom vielen Trinken, aber nicht vom großen Durst. Wollen wir zusammen wandern?" — „Mir ist's recht," antwortete der Schneider, „wenn du nur Lust hast, in eine große Stadt zu gehen, wo es nicht an Arbeit fehlt." — „Gerade dahin wollte ich auch," antwortete der Schuster, „in einem kleinen Nest ist nichts zu verdienen, und auf dem Lande gehen die Leute lieber barfuß."

Sie wanderten also zusammen weiter und setzten immer einen Fuß vor den anderen wie die Wiesel im Schnee.

Unterwegs

Zeit genug hatten sie beide, aber wenig zu beißen und zu brechen. Wenn sie in eine Stadt kamen, gingen sie umher und grüßten das Handwerk. Weil das Schneiderlein so frisch und munter aussah und so hübsche rote Backen hatte, gab ihm jeder gerne etwas. Wenn das Glück gut war, gab ihm die Meistertochter unter der Haustür auch noch einen Kuss auf den Weg.

Wenn er mit dem Schuster wieder zusammentraf, hatte er immer mehr in seinem Bündel. Der griesgrämige Schuster schnitt ein schiefes Gesicht und meinte: „Je größer der Schelm, je größer das Glück." Aber der Schneider fing an zu lachen und zu singen und teilte alles, was er bekam, mit seinem Kameraden. Wenn ein paar Groschen in seiner Tasche klingelten, ließ er auftragen, schlug vor Freude auf den Tisch, dass die Gläser tanzten, und es hieß bei ihm: „Leicht verdient und leicht vertan."

Der gefährliche Wald

Als sie eine Zeitlang gewandert waren, kamen sie an einen großen Wald, durch den der Weg zur Königsstadt führte. Es gab zwei Fußsteige hindurch: der eine war sieben Tage lang, der andere nur zwei Tage — aber keiner von beiden wusste, welcher der kürzere war.

Sie setzten sich unter eine Eiche und berieten, wie viel Brot sie mitnehmen wollten. Der Schuster sagte: „Man muss weiter denken als man geht, ich will für sieben Tage Brot mitnehmen."

„Was," sagte der Schneider, „für sieben Tage Brot auf dem Rücken schleppen wie ein Lasttier? Ich halte mich an Gott und kehre mich an nichts. Das Geld in meiner Tasche ist im Sommer so gut wie im Winter, aber das Brot wird in der Hitze trocken und obendrein schimmelig. Warum sollen wir den richtigen Weg nicht finden? Für zwei Tage Brot und damit gut!"

So kaufte sich jeder sein Brot, und dann gingen sie auf gut Glück in den Wald hinein.

In dem Wald war es so still wie in einer Kirche. Kein Wind wehte, kein Bach rauschte, kein Vogel sang, und durch die dicht belaubten Äste drang kein Sonnenstrahl.

Der Schuster sprach kein Wort. Ihn drückte das schwere Brot auf dem Rücken, dass ihm der Schweiß über sein verdrießliches Gesicht floss. Der Schneider war ganz munter, sprang daher, pfiff auf einem Blatt oder sang ein Liedchen und dachte: „Gott im Himmel muss sich freuen, dass ich so lustig bin."

Zwei Tage ging das so fort. Als am dritten Tag der Wald kein Ende nehmen wollte und der Schneider sein Brot aufgegessen hatte, fiel ihm das Herz doch eine Elle tiefer herab. Aber er verlor nicht den Mut und verließ sich auf Gott und sein Glück.

Grausamkeit im Wald

Den dritten Tag legte er sich abends hungrig unter einen Baum und stieg den nächsten Morgen hungrig wieder auf. So ging es auch den vierten Tag. Wenn der Schuster sich auf einen umgestürzten Baum setzte und seine Mahlzeit verzehrte, blieb dem Schneider nichts als das Zusehen.

Bat er um ein Stückchen Brot, lachte der andere höhnisch und sagte: „Du bist immer so lustig gewesen — da kannst du auch einmal versuchen, wie es tut, wenn man unlustig ist. Die Vögel, die morgens zu früh singen, stößt abends der Habicht." Kurz, er war ohne Erbarmen.

Aber am fünften Morgen konnte der arme Schneider nicht mehr aufstehen und vor Mattigkeit kaum ein Wort herausbringen. Die Backen waren ihm weiß und die Augen rot. Da sagte der Schuster zu ihm: „Ich will dir heute ein Stück Brot geben, aber dafür will ich dir dein rechtes Auge ausstechen."

Der unglückliche Schneider, der doch sein Leben erhalten wollte, konnte sich nicht anders helfen. Er weinte noch einmal mit beiden Augen und hielt sie dann hin. Der Schuster, der ein Herz von Stein hatte, stach ihm mit einem scharfen Messer das rechte Auge aus.

Dem Schneider kam in den Sinn, was ihm sonst seine Mutter gesagt hatte: „Essen so viel man mag, und leiden was man muss." Als er sein teuer bezahltes Brot verzehrt hatte, machte er sich wieder auf die Beine, vergaß sein Unglück und tröstete sich damit, dass er mit einem Auge noch immer genug sehen könnte.

Am sechsten Tag meldete sich der Hunger aufs neue. Er fiel abends bei einem Baum nieder, und am siebten Morgen konnte er sich vor Mattigkeit nicht erheben — der Tod saß ihm im Nacken.

Da sagte der Schuster: „Ich will Barmherzigkeit üben und dir nochmals Brot geben, aber umsonst bekommst du es nicht: Ich steche dir dafür das andere Auge aus."

Da erkannte der Schneider sein leichtsinniges Leben, bat Gott um Verzeihung und sprach: „Tu, was du musst, ich will leiden, was ich muss. Aber bedenke, dass unser Herrgott nicht jeden Augenblick richtet, und dass eine andere Stunde kommt, wo die böse Tat vergolten wird. Ich habe in guten Tagen mit dir geteilt, was ich hatte. Wenn ich blind bin und nicht mehr nähen kann, muss ich betteln gehen. Lass mich nur hier nicht allein liegen, sonst muss ich verschmachten."

Der Schuster aber, der Gott aus seinem Herzen vertrieben hatte, stach ihm noch das linke Auge aus. Dann gab er ihm ein Stück Brot, reichte ihm einen Stock und führte ihn hinter sich her.

Das Wunder am Galgen

Als die Sonne unterging, kamen sie aus dem Wald. Vor dem Wald stand auf dem Feld ein Galgen. Dahin leitete der Schuster den blinden Schneider, ließ ihn liegen und ging seiner Wege.

Vor Müdigkeit, Schmerz und Hunger schlief der Unglückliche ein und schlief die ganze Nacht. Als es dämmerte, erwachte er — er wusste aber nicht, wo er lag.

An dem Galgen hingen zwei arme Sünder. Auf dem Kopf eines jeden saß eine Krähe. Da fing die eine an zu sprechen: „Bruder, wachst du?" — „Ja, ich wache," antwortete die zweite. — „So will ich dir etwas sagen: Der Tau, der heute Nacht über uns vom Galgen herabgefallen ist, gibt jedem, der sich damit wäscht, die Augen wieder. Wenn das die Blinden wüssten!"

Als der Schneider das hörte, nahm er sein Taschentuch, drückte es auf das Gras und wusch, als es mit dem Tau befeuchtet war, seine Augenhöhlen damit. Alsbald ging in Erfüllung, was der Gehenkte gesagt hatte: Ein Paar frische und gesunde Augen füllten die Höhlen.

Es dauerte nicht lange, so sah der Schneider die Sonne hinter den Bergen aufsteigen. Vor ihm in der Ebene lag die große Königsstadt mit ihren prächtigen Toren und hundert Türmen, deren goldene Knöpfe und Kreuze zu glühen begannen. Er unterschied jedes Blatt an den Bäumen, erblickte die Vögel, die vorbeizogen, und die Mücken, die in der Luft tanzten.

Er holte eine Nähnadel aus der Tasche. Als er den Zwirn einfädeln konnte, so gut wie je, sprang sein Herz vor Freude. Er warf sich auf die Knie, dankte Gott und sprach seinen Morgensegen. Er vergaß auch nicht, für die armen Sünder zu bitten, die da hingen wie der Schwengel in der Glocke und die der Wind aneinanderschlug. Dann nahm er sein Bündel auf den Rücken, vergaß bald das ausgestandene Herzeleid und ging unter Singen und Pfeifen weiter.

Hilfreiche Gefährten

Das Erste, was ihm begegnete, war ein braunes Füllen, das frei im Feld herumsprang. Er packte es an der Mähne und wollte sich aufschwingen. Das Füllen bat um seine Freiheit: „Ich bin noch zu jung, auch ein leichter Schneider wie du bricht mir den Rücken entzwei. Lass mich laufen, bis ich stark bin. Es kommt vielleicht eine Zeit, wo ich es dir lohnen kann."

„Lauf hin," sagte der Schneider, „ich sehe, du bist auch so ein Springinsfeld." Er gab ihm noch einen Hieb mit der Gerte über den Rücken, dass es vor Freude mit den Hinterbeinen ausschlug und in das Feld hineinjagte.

Das Schneiderlein hatte seit gestern nichts gegessen. „Die Sonne füllt mir zwar die Augen, aber das Brot nicht den Mund. Das Erste, was mir begegnet und halbwegs genießbar ist, das muss herhalten."

Indem schritt ein Storch ganz ernsthaft über die Wiese. „Halt, halt!" rief der Schneider und packte ihn am Bein. „Mein Hunger erlaubt mir keine lange Wahl, ich muss dir den Kopf abschneiden und dich braten."

„Tu das nicht," antwortete der Storch, „ich bin ein heiliger Vogel, dem niemand ein Leid zufügt, und der den Menschen großen Nutzen bringt. Lässt du mir mein Leben, so kann ich es dir ein andermal vergelten." — „So zieh ab, Vetter Langbein," sagte der Schneider.

„Mein Hunger wird immer größer und mein Magen immer leerer. Was mir jetzt in den Weg kommt, das ist verloren." Indem sah er auf einem Teich ein paar junge Enten schwimmen. „Ihr kommt ja wie gerufen!" sagte er, packte eine davon und wollte ihr den Hals umdrehen.

Da fing eine alte Ente, die im Schilf steckte, laut an zu kreischen, schwamm herbei und bat flehentlich, sich ihrer lieben Kinder zu erbarmen. „Denkst du nicht, wie deine Mutter jammern würde, wenn dich einer wegholen und dir den Garaus machen wollte?"

„Sei nur still," sagte der gutmütige Schneider, „du sollst deine Kinder behalten," und setzte die Gefangene wieder ins Wasser.

Als er sich umdrehte, stand er vor einem alten Baum, der halb hohl war, und sah wilde Bienen aus- und einfliegen. „Da finde ich gleich den Lohn für meine gute Tat — der Honig wird mich laben." Aber der Weisel kam heraus und drohte: „Wenn du mein Volk anrührst und mein Nest zerstörst, so sollen dir unsere Stacheln wie zehntausend glühende Nadeln in die Haut fahren. Lässt du uns aber in Ruhe, so wollen wir dir ein andermal dafür einen Dienst leisten."

„Drei Schüsseln leer und auf der vierten nichts — das ist eine schlechte Mahlzeit," sagte das Schneiderlein. Er schleppte sich mit seinem ausgehungerten Magen in die Stadt. Da es eben zu Mittag läutete, war für ihn im Gasthaus schon gekocht und er konnte sich gleich zu Tisch setzen.

Der Hofschneider

Als er satt war, sagte er: „Nun will ich auch arbeiten." Er ging durch die Stadt, suchte einen Meister und fand bald gutes Unterkommen. Da er sein Handwerk von Grund auf gelernt hatte, dauerte es nicht lange: Er wurde berühmt, und jeder wollte seinen neuen Rock von dem kleinen Schneider gemacht haben. Endlich bestellte ihn der König zu seinem Hofschneider.

Aber wie's in der Welt geht: An demselben Tag war sein ehemaliger Kamerad, der Schuster, auch Hofschuster geworden. Als dieser den Schneider erblickte und sah, dass er wieder zwei gesunde Augen hatte, peinigte ihn das Gewissen.

„Ehe er Rache an mir nimmt, muss ich ihm eine Grube graben," dachte er bei sich selbst. Wer aber anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein.

Abends schlich er sich zum König und sagte: „Herr König, der Schneider ist ein übermütiger Mensch und hat sich vermessen, er wollte die goldene Krone wieder herbeischaffen, die vor alten Zeiten verloren gegangen ist." — „Das sollte mir lieb sein," sprach der König, ließ den Schneider holen und befahl ihm, die Krone wieder herbeizuschaffen — oder für immer die Stadt zu verlassen.

„Oho," dachte der Schneider, „ein Schelm gibt mehr als er hat. Wenn der König von mir verlangt, was kein Mensch leisten kann, so will ich nicht warten bis morgen, sondern gleich heute wandern." Er schnürte sein Bündel — als er aber aus dem Tor heraus war, tat es ihm leid, sein Glück aufzugeben.

Er kam zu dem Teich, wo er mit den Enten Bekanntschaft gemacht hatte. Die Alte saß gerade am Ufer und putzte sich mit dem Schnabel. Sie erkannte ihn gleich und fragte, warum er den Kopf so hängen lasse.

Er erzählte ihr sein Schicksal. „Wenn's weiter nichts ist," sagte die Ente, „da können wir Rat schaffen. Die Krone ist ins Wasser gefallen und liegt unten auf dem Grund — wie bald haben wir sie heraufgeholt! Breite nur derweil dein Taschentuch ans Ufer aus."

Sie tauchte mit ihren zwölf Jungen unter, und nach fünf Minuten war sie wieder oben, saß mitten in der Krone, die auf ihren Flügeln ruhte, und die zwölf Jungen schwammen rund herum und halfen mit ihren Schnäbeln tragen. Sie schwammen ans Land und legten die Krone auf das Tuch.

Wenn die Sonne darauf schien, glänzte sie wie hunderttausend Karfunkelsteine. Der Schneider band das Tuch mit den vier Zipfeln zusammen und trug sie zum König, der in einer Freude war und ihm eine goldene Kette um den Hals hängte.

Immer neue Prüfungen

Als der Schuster sah, dass der erste Streich misslungen war, besann er sich auf einen zweiten, trat vor den König und sprach: „Herr König, der Schneider hat sich vermessen, das ganze königliche Schloss mit allem, was darin ist — los und fest, innen und außen — in Wachs abzubilden."

Der König ließ den Schneider kommen und befahl ihm das. Brächte er es nicht zu Stande oder fehlte nur ein Nagel an der Wand, so sollte er zeitlebens unter der Erde gefangen sitzen.

„Es kommt immer ärger, das hält kein Mensch aus," dachte der Schneider, warf sein Bündel auf den Rücken und wanderte fort. Als er an den hohlen Baum kam, setzte er sich nieder und ließ den Kopf hängen.

Die Bienen kamen herausgeflogen, und der Weisel fragte, ob er einen steifen Hals hätte, weil er den Kopf so schief hielt. „Ach nein," antwortete der Schneider, „mich drückt etwas anderes." Und er erzählte, was der König von ihm gefordert hatte.

Die Bienen fingen an untereinander zu summen und zu brummen, und der Weisel sprach: „Geh nur wieder nach Hause, komm aber morgen um diese Zeit wieder und bring ein großes Tuch mit — es wird alles gut gehen."

Da kehrte er um. Die Bienen aber flogen zum königlichen Schloss, geradezu in die offenen Fenster hinein, krochen in allen Ecken herum und besahen alles aufs Genaueste. Dann liefen sie zurück und bildeten das Schloss in Wachs nach — mit solcher Geschwindigkeit, dass man meinte, es wüchse einem vor den Augen.

Schon am Abend war alles fertig. Als der Schneider am folgenden Morgen kam, stand das ganze prächtige Gebäude da. Es fehlte kein Nagel an der Wand und keine Ziegel auf dem Dach, und dabei war es zart und schneeweiß und roch süß wie Honig.

Der Schneider packte es vorsichtig in sein Tuch und brachte es dem König. Der konnte sich nicht genug verwundern, stellte es in seinem größten Saal auf und schenkte dem Schneider dafür ein großes steinernes Haus.

Der Schuster aber ließ nicht nach, ging zum dritten Mal zum König und sprach: „Herr König, dem Schneider ist zu Ohren gekommen, dass auf dem Schlosshof kein Wasser springen will. Da hat er sich vermessen, es solle mitten im Hof mannshoch aufsteigen und hell sein wie Kristall."

Da ließ der König den Schneider herbeiholen und sagte: „Wenn nicht morgen ein Strahl von Wasser in meinem Hof springt, wie du versprochen hast, so soll dich der Scharfrichter auf demselben Hof um einen Kopf kürzer machen."

Der arme Schneider besann sich nicht lange und eilte zum Tor hinaus. Weil es ihm diesmal ans Leben gehen sollte, rollten ihm die Tränen über die Backen.

Indem kam das Füllen herangesprungen, dem er einmal die Freiheit geschenkt hatte — aus dem war ein hübscher Brauner geworden. „Jetzt kommt die Stunde," sprach er, „wo ich dir deine gute Tat vergelten kann. Ich weiß schon, was dir fehlt, aber es soll dir bald geholfen werden. Sitz nur auf, mein Rücken kann deiner zwei tragen."

Dem Schneider kam das Herz wieder. Er sprang in einem Satz auf, und das Pferd rannte in vollem Lauf zur Stadt hinein, geradezu auf den Schlosshof. Da jagte es dreimal rund herum, schnell wie der Blitz — und beim dritten Mal stürzte es nieder.

In dem Augenblick krachte es furchtbar: Ein Stück Erde sprang in der Mitte des Hofes wie eine Kugel in die Luft und über das Schloss hinaus. Gleich dahinter erhob sich ein Strahl von Wasser, so hoch wie Mann und Pferd, und das Wasser war so rein wie Kristall. Die Sonnenstrahlen fingen an, darauf zu tanzen.

Als der König das sah, stand er vor Verwunderung auf, ging und umarmte das Schneiderlein im Angesicht aller Menschen.

Die Königstochter

Aber das Glück dauerte nicht lang. Der König hatte Töchter genug — eine immer schöner als die andere — aber keinen Sohn.

Da begab sich der boshafte Schuster zum vierten Mal zum König und sprach: „Herr König, der Schneider hat sich vermessen, wenn er wolle, so könne er dem Herrn König einen Sohn durch die Lüfte herbeibringen lassen."

Der König ließ den Schneider rufen und sprach: „Wenn du mir binnen neun Tagen einen Sohn bringst, so sollst du meine älteste Tochter zur Frau haben."

„Der Lohn ist freilich groß," dachte das Schneiderlein, „aber die Kirschen hängen mir zu hoch. Es geht nicht." Er schnürte sein Bündel und eilte zum Tor hinaus.

Als er auf den Wiesen den Storch erblickte, der da wie ein Weltweiser auf und abging, und zuweilen stillstand, einen Frosch in nähere Betrachtung nahm und ihn endlich verschluckte, kam der Storch heran und begrüßte ihn.

„Ich sehe, du hast deinen Ranzen auf dem Rücken. Warum willst du die Stadt verlassen?" Der Schneider erzählte, was der König von ihm verlangt hatte.

„Lass dir darüber keine grauen Haare wachsen," sagte der Storch, „ich will dir aus der Not helfen. Schon lange bringe ich die Wickelkinder in die Stadt — da kann ich auch einmal einen kleinen Prinzen aus dem Brunnen holen. Geh heim und verhalte dich ruhig. Heut über neun Tage begib dich in das königliche Schloss, da will ich kommen."

Das Schneiderlein ging nach Hause und war zur rechten Zeit im Schloss. Nicht lange, so kam der Storch herangeflogen und klopfte ans Fenster. Der Schneider öffnete ihm, und Vetter Langbein stieg vorsichtig herein und ging mit gravitätischen Schritten über den glatten Marmorboden. Er hatte ein Kind im Schnabel, das schön war wie ein Engel und seine Händchen nach der Königin ausstreckte.

Er legte es ihr auf den Schoß, und sie herzte und küsste es und war vor Freude außer sich. Bevor der Storch wieder wegflog, nahm er seine Reisetasche von der Schulter und überreichte sie der Königin. Es steckten Tüten darin mit bunten Zuckererbsen — die wurden unter die kleinen Prinzessinnen verteilt.

Die älteste aber erhielt nichts, sondern bekam den lustigen Schneider zum Mann. „Es ist mir genauso," sprach der Schneider, „als hätte ich das große Los gewonnen. Meine Mutter hatte doch recht: Wer auf Gott vertraut und Glück hat, dem kann es nicht fehlen."

Das Ende des Schusters

Der Schuster musste die Schuhe machen, in denen das Schneiderlein auf dem Hochzeitsfest tanzte. Danach wurde ihm befohlen, die Stadt für immer zu verlassen.

Der Weg in den Wald führte ihn zum Galgen. Von Zorn, Wut und der Hitze des Tages erschöpft, warf er sich nieder. Als er die Augen schloss und schlafen wollte, stürzten die beiden Krähen von den Köpfen der Gehenkten mit lautem Geschrei herab und hackten ihm die Augen aus. Unsinnig rannte er in den Wald — und muss darin verschmachtet sein, denn es hat ihn niemand je wieder gesehen oder etwas von ihm gehört.