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Märchen lesen und erleben

Die Rübe

⏱ Lesedauer: ca. 6 Min.

Die riesige Rübe

Es waren einmal zwei Brüder, die dienten beide als Soldaten. Der eine war reich, der andere arm. Da wollte der arme Bruder sich aus seiner Not helfen, zog den Soldatenrock aus und wurde ein Bauer.

Er grub und hackte sein kleines Stück Acker und säte Rübsamen. Der Same ging auf, und es wuchs dort eine Rübe heran, die so groß und stark und zusehends dicker wurde, dass sie wohl eine Königin aller Rüben heißen konnte. Denn niemals war eine solche Rübe gesehen worden, und es wird auch nie wieder eine geben.

Zuletzt war sie so riesig, dass sie allein einen ganzen Wagen füllte und zwei Ochsen sie ziehen mussten. Der Bauer wusste gar nicht, was er mit ihr anfangen sollte, und ob dies nun sein Glück oder sein Unglück sein würde.

Schließlich dachte er:

„Wenn du sie verkaufst, was wirst du schon Großes dafür bekommen? Und wenn du sie selbst isst, so tun die kleinen Rüben denselben Dienst. Am besten ist es, du bringst sie dem König und machst ihm ein Geschenk damit.“

Also lud er die Rübe auf den Wagen, spannte zwei Ochsen vor, brachte sie an den Hof und schenkte sie dem König.

Das Geschenk des Königs

„Was ist das für ein seltsames Ding?“

, sagte der König.

„Mir ist schon viel Wunderliches vor die Augen gekommen, aber so ein Ungetüm noch nicht. Aus was für einem Samen mag die wohl gewachsen sein? Oder gedeiht so etwas nur dir allein, weil du ein Glückskind bist?“

„Ach nein“

, sagte der Bauer,

„ein Glückskind bin ich nicht. Ich bin ein armer Soldat, der, weil er sich nicht mehr ernähren konnte, den Soldatenrock an den Nagel hing und das Land baute. Ich habe noch einen Bruder, der reich und Euch, Herr König, auch wohlbekannt ist. Ich aber, weil ich nichts besitze, bin von aller Welt vergessen.“

Da empfand der König tiefes Mitleid mit ihm und sprach:

„Du sollst von deiner Armut befreit und von mir so reich beschenkt werden, dass du deinem wohlhabenden Bruder in nichts nachstehst.“

Da schenkte er ihm eine Menge Gold, Äcker, Wiesen und Herden und machte ihn steinreich, sodass der Reichtum des anderen Bruders gar nicht mehr damit verglichen werden konnte.

Der neidische Bruder

Als der reiche Bruder hörte, was der arme mit einer einzigen Rübe erworben hatte, beneidete er ihn zutiefst. Er sann hin und her, wie er sich auch ein solches Glück verschaffen könnte. Er wollte es jedoch noch viel klüger anstellen: Er nahm viel Gold und edle Pferde mit und brachte sie dem König. Er dachte sich nicht anders, als dass der König ihm ein weitaus größeres Gegengeschenk machen würde. Denn wenn sein Bruder schon so viel für eine einfache Rübe bekommen hatte, was würden ihm erst diese schönen Geschenke einbringen?

Der König nahm die Geschenke wohlwollend an. Doch er sagte, er wüsste ihm nichts als Gegengabe anzubieten, das seltener und besser wäre als die riesige Rübe. Also musste der reiche Bruder die Rübe seines Bruders auf seinen Wagen laden und damit nach Hause fahren.

Daheim wusste er vor Zorn und Ärger nicht, an wem er seine Wut auslassen sollte, bis ihm böse Gedanken kamen und er beschloss, seinen Bruder zu töten.

Er dingte Mörder, die sich im Wald in einen Hinterhalt legen mussten. Daraufhin ging er zu seinem Bruder und sprach:

„Lieber Bruder, ich weiß von einem geheimen Schatz, den wollen wir miteinander heben und teilen.“

Der Bruder ließ sich gerne darauf ein und ging arglos mit.

Als sie jedoch in den Wald kamen, stürzten die Mörder über ihn her, banden ihn fest und wollten ihn an einen Baum hängen.

Der Sack der Weisheit

Indem sie eben dabei waren, ertönte aus der Ferne lauter Gesang und Hufschlag. Da fuhr den Mördern der Schrecken in die Glieder. Sie steckten ihren Gefangenen über Hals und Kopf in einen Sack, zogen ihn an einem starken Ast empor und ergriffen die Flucht.

Der arme Bruder arbeitete sich oben ab, bis er ein Loch im Sack hatte, durch das er den Kopf stecken konnte. Wer da des Weges kam, war ein fahrender Schüler – ein junger Geselle, der fröhlich sein Lied singend durch den Wald auf der Straße daherritt.

Als der Gefangene oben merkte, dass jemand unter ihm vorbeiging, rief er:

„Sei mir gegrüßt zu guter Stunde!“

Der Schüler blickte sich überall um und wusste nicht, woher die Stimme kam. Schließlich sprach er:

„Wer ruft mich da?“

Da antwortete es aus dem Baumwipfel:

„Erhebe deine Augen! Ich sitze hier oben im Sack der Weisheit. In kurzer Zeit habe ich hier schon große Dinge gelernt, dagegen sind alle Schulen ein Wind. In Kürze werde ich fertig gelernt haben, herabsteigen und weiser sein als alle anderen Menschen. Ich verstehe die Gestirne und Himmelszeichen, das Wehen aller Winde, den Sand im Meer, die Heilung von Krankheiten, die Kräfte der Kräuter, Vögel und Steine. Wärst du erst einmal hier drin, du würdest fühlen, was für eine Herrlichkeit aus diesem Sack fließt!“

Der Schüler erstaunte über diese Worte und sprach:

„Gesegnet sei die Stunde, in der ich dich gefunden habe! Könnte ich nicht auch ein wenig in den Sack kommen?“

Der andere antwortete von oben, als täte er es nur ungern:

„Eine kleine Weile will ich dich wohl für guten Lohn und freundliche Worte hineinlassen, aber du musst noch eine Stunde warten, denn es gibt da noch ein Stück, das ich erst lernen muss.“

Als der Schüler eine Weile gewartet hatte, wurde ihm die Zeit zu lang. Er bat inständig darum, eingelassen zu werden, da sein Durst nach Weisheit gar zu groß sei.

Da stellte sich der im Sack, als gäbe er endlich nach, und sprach:

„Damit ich aus dem Haus der Weisheit herauskomme, musst du den Sack am Strick herunterlassen, dann darfst du hinein.“

Der Schüler ließ ihn eilig herunter, band den Sack auf und befreite ihn. Dann rief er voller Vorfreude:

„Nun zieh mich recht geschwind hinauf!“

, und wollte gerade in den Sack steigen.

„Halt!“

, sagte der andere.

„So geht es nicht.“

Er packte ihn beim Kopf, steckte ihn umgekehrt in den Sack, schnürte ihn fest zu und zog den Schüler der Weisheit am Strick hinauf in den Baum. Dann ließ er ihn in der Luft baumeln und sprach:

„Wie steht es, mein lieber Geselle? Siehst du, schon fühlst du, wie die Weisheit über dich kommt. Mache nur gute Erfahrungen und sitze schön ruhig da oben, bis du klüger wirst.“

Damit stieg er auf das Pferd des Schülers und ritt davon. Er schickte jedoch nach einer Stunde jemanden vorbei, der den neugierigen Schüler wieder herablassen musste.