Autor: Gebrüder Grimm
Indexseite
**134.**
**Die sechs Diener.**
Der sterbenskranke Königssohn und die schöne Königstochter
Vor Zeiten lebte eine alte Königin, die war eine Zauberin, und ihre Tochter war das schönste Mädchen unter der Sonne. Die Alte dachte aber an nichts anderes, als wie sie die Menschen ins Verderben locken könnte. Wenn ein Freier kam, so sprach sie, wer ihre Tochter haben wollte, müsste zuvor eine Aufgabe lösen, oder er müsste sterben.
Viele waren von der Schönheit der Jungfrau verblendet und wagten es wohl, aber sie konnten nicht vollbringen, was die Alte ihnen auferlegte. Da gab es keine Gnade: Sie mussten niederknien, und das Haupt ward ihnen abgeschlagen.
Ein Königssohn hatte auch von der großen Schönheit der Jungfrau gehört und sprach zu seinem Vater:
antwortete der König,
Da legte der Sohn sich nieder und ward sterbenskrank. Er lag sieben Jahre lang, und kein Arzt konnte ihm helfen. Als der Vater sah, dass keine Hoffnung mehr war, sprach er voll Herzenstraurigkeit zu ihm:
Wie der Sohn das hörte, stand er auf von seinem Lager, ward gesund und machte sich fröhlich auf den Weg.
Die wundersamen Diener auf dem Weg
Es trug sich zu, als er über eine Heide zu reiten kam, dass er von Weitem auf der Erde etwas liegen sah wie einen großen Heuhaufen. Wie er sich näherte, konnte er unterscheiden, dass es der Bauch eines Menschen war, der sich dahingestreckt hatte; der Bauch aber sah aus wie ein kleiner Berg.
Der Dicke, wie er den Reisenden erblickte, richtete sich in die Höhe und sprach:
Der Königssohn antwortete:
sprach der Dicke,
sagte der Königssohn,
Da ging der Dicke hinter dem Königssohn her. Nach einer Weile fanden sie einen anderen, der lag auf der Erde und hatte das Ohr auf den Rasen gelegt. Der Königssohn fragte:
antwortete der Mann.
Da fragte der Königssohn:
Der Mann antwortete:
Der Königssohn sprach:
Sie zogen weiter und sahen einmal ein paar Füße daliegen und auch etwas von den Beinen, aber das Ende konnten sie nicht sehen. Als sie eine gute Strecke fortgegangen waren, kamen sie zu dem Leib und endlich auch zu dem Kopf.
sprach der Königssohn,
antwortete der Lange,
sprach der Königssohn,
Sie zogen weiter und fanden einen am Weg sitzen, der hatte die Augen zugebunden. Sprach der Königssohn zu ihm:
antwortete der Mann,
antwortete der Königssohn,
Sie zogen weiter und fanden einen Mann, der lag mitten im heißen Sonnenschein und zitterte und fror am ganzen Leibe, so dass ihm kein Glied stillstand.
sprach der Königssohn,
antwortete der Mann,
sprach der Königssohn,
Nun zogen sie weiter und sahen einen Mann stehen, der machte einen langen Hals, schaute sich um und blickte über alle Berge hinaus. Sprach der Königssohn:
Der Mann antwortete:
Der Königssohn sprach:
Die Aufgaben der Königin
Nun zog der Königssohn mit seinen sechs Dienern in die Stadt ein, wo die alte Königin lebte. Er sagte nicht, wer er wäre, aber er sprach:
Die Zauberin freute sich, dass ein so schöner Jüngling wieder in ihre Netze fiel, und sprach:
fragte er.
Da ging der Königssohn heim zu seinen Dienern und sprach:
Da sprach der mit den hellen Augen:
schaute in das Meer hinab und sagte:
Der Lange trug sie hin und sprach:
rief der Dicke, legte sich nieder und hielt seinen Mund ans Wasser. Da fielen die Wellen hinein wie in einen Abgrund, und er trank das ganze Meer aus, dass es trocken ward wie eine Wiese. Der Lange bückte sich ein wenig und holte den Ring mit der Hand heraus.
Da war der Königssohn froh, als er den Ring hatte, und brachte ihn der Alten. Sie erstaunte und sprach:
Sprach der Königssohn:
Die Alte lachte boshaft und antwortete:
Das große Fressen und die nächtliche Wache
Da ging der Königssohn zu seinen Dienern und sprach zu dem Dicken:
Da tat sich der Dicke auseinander und aß die dreihundert Ochsen, dass kein Haar übrig blieb, und fragte, ob weiter nichts als das Frühstück da wäre. Den Wein aber trank er gleich aus den Fässern, ohne dass er ein Glas nötig hatte, und trank den letzten Tropfen vom Nagel herunter. Als die Mahlzeit zu Ende war, ging der Königssohn zur Alten und sagte ihr, die zweite Aufgabe wäre gelöst. Sie verwunderte sich und sprach:
und dachte:
sprach sie,
Der Königssohn dachte:
Doch rief er seine Diener, erzählte ihnen, was die Alte gesagt hatte, und sprach:
Als die Nacht einbrach, kam die Alte mit ihrer Tochter und führte sie in die Arme des Königssohns. Dann schlang sich der Lange um sie beide in einen Kreis, und der Dicke stellte sich vor die Türe, sodass keine lebendige Seele herein konnte. Da saßen sie beide, und die Jungfrau sprach kein Wort, aber der Mond schien durchs Fenster auf ihr Angesicht, dass er ihre wunderbare Schönheit sehen konnte. Er tat nichts, als sie anzuschauen, war voll Freude und Liebe, und es kam keine Müdigkeit in seine Augen. Das dauerte bis elf Uhr, da warf die Alte einen Zauber über alle, dass sie einschliefen, und in dem Augenblick war auch die Jungfrau entrückt.
Die Rettung aus dem Felsen
Nun schliefen sie fest bis ein Viertel vor zwölf, da war der Zauber kraftlos und sie erwachten alle wieder.
rief der Königssohn,
Die treuen Diener fingen auch an zu klagen, aber der Horcher sprach:
Da horchte er einen Augenblick und sprach dann:
antwortete der Lange,
Da huckte der Lange den mit den verbundenen Augen auf, und im Augenblick, wie man eine Hand umwendet, waren sie vor dem verwünschten Felsen. Alsbald nahm der Lange dem anderen die Binde von den Augen, der sich nur umschaute, und schon zersprang der Felsen in tausend Stücke. Da nahm der Lange die Jungfrau auf den Arm, trug sie in einem Nu zurück, holte ebenso schnell auch noch seinen Kameraden, und ehe es zwölf schlug, saßen sie alle wieder wie vorher und waren munter und guter Dinge.
Als es zwölf schlug, kam die alte Zauberin herbeigeschlichen, machte ein höhnisches Gesicht, als wollte sie sagen
, und glaubte, ihre Tochter säße dreihundert Stunden weit im Felsen. Als sie aber ihre Tochter in den Armen des Königssohns erblickte, erschrak sie und sprach:
Aber sie durfte nichts einwenden und musste ihm die Jungfrau zusagen. Da sprach sie ihr ins Ohr:
Die Feuerprobe
Da ward das stolze Herz der Jungfrau mit Zorn erfüllt und sie sann auf Rache. Sie ließ am anderen Morgen dreihundert Malter Holz zusammenfahren und sprach zu dem Königssohn, die drei Aufgaben wären gelöst, sie würde aber nicht eher seine Gemahlin werden, bis einer bereit wäre, sich mitten in das Holz zu setzen und das Feuer auszuhalten. Sie dachte, keiner seiner Diener würde sich für ihn verbrennen, und aus Liebe zu ihr würde er sich selber hineinsetzen, und dann wäre sie frei.
Die Diener aber sprachen:
Sie setzten ihn mitten auf den Holzstoß und steckten ihn an. Da begann das Feuer zu brennen und brannte drei Tage, bis alles Holz verzehrt war. Als die Flammen sich legten, stand der Frostige mitten in der Asche, zitterte wie ein Espenlaub und sprach:
Die Flucht und die Rache der Königin
Nun war kein Ausweg mehr zu finden, die schöne Jungfrau musste den unbekannten Jüngling zum Gemahl nehmen. Als sie aber zur Kirche fuhren, sprach die Alte:
und schickte ihr Kriegsvolk nach, das sollte alles niedermachen, was ihm vorkäme, und ihr die Tochter zurückbringen.
Der Horcher aber hatte die Ohren gespitzt und die heimlichen Reden der Alten vernommen.
sprach er zu dem Dicken. Aber der wusste Rat, spie einmal oder zweimal hinter dem Wagen einen Teil des Meereswassers aus, das er getrunken hatte. Da sprang ein großer See auf, worin das Kriegsvolk stecken blieb und ertrank.
Als die Zauberin das vernahm, schickte sie ihre geharnischten Reiter; aber der Horcher hörte das Rasseln ihrer Rüstung und band dem einen die Augen auf. Der guckte die Feinde ein bisschen scharf an, da sprangen sie auseinander wie Glas. Nun fuhren sie ungestört weiter, und als die beiden in der Kirche eingesegnet waren, nahmen die sechs Diener ihren Abschied und sprachen zu ihrem Herrn:
Die Demütigung der stolzen Braut
Eine halbe Stunde vor dem Schloss war ein Dorf, vor dem hütete ein Schweinehirt seine Herde. Wie sie dahin kamen, sprach der Königssohn zu seiner Frau:
Dann stieg er mit ihr im Wirtshaus ab und sagte heimlich zu den Wirtsleuten, in der Nacht sollten sie ihr die königlichen Kleider wegnehmen. Wie sie nun am Morgen aufwachte, hatte sie nichts anzutun, und die Wirtin gab ihr einen alten Rock und ein paar alte wollene Strümpfe. Dabei tat sie noch, als wäre es ein großes Geschenk, und sprach:
Da glaubte die Königstochter, er wäre wirklich ein Schweinehirt, hütete mit ihm die Herde und dachte:
Das dauerte acht Tage, da konnte sie es nicht mehr aushalten, denn die Füße waren ihr wund geworden. Da kamen ein paar Leute und fragten, ob sie wüsste, wer ihr Mann wäre.
antwortete sie,
Sie sprachen aber:
und brachten sie ins Schloss hinauf.
Wie sie in den Saal kam, stand da ihr Mann in königlichen Kleidern. Sie erkannte ihn aber nicht, bis er ihr um den Hals fiel, sie küsste und sprach:
Nun ward erst die Hochzeit gefeiert, und der es erzählt hat, wollte, er wäre auch dabei gewesen.

