Autor: Gebrüder Grimm
Die vier Pfade an der Kreuzung
Es war einmal ein armer Mann, der hatte vier Söhne. Als sie heranwachsen waren, sprach er zu ihnen:
Da ergriffen die vier Brüder den Wanderstab, nahmen Abschied von ihrem Vater und zogen gemeinsam zum Stadttor hinaus. Nachdem sie eine Zeit lang gewandert waren, kamen sie an eine Kreuzung, von der Wege in vier verschiedene Himmelsrichtungen führten. Da sprach der älteste Bruder:
Die Erlernung der vier Künste
Jeder ging nun seinen eigenen Weg. Dem ältesten Bruder begegnete bald ein Mann, der ihn fragte, wohin er wolle und was er vorhabe.
, antwortete er. Da sprach der Mann:
, entgegnete der Junge,
, beruhigte ihn der Mann,
Da ließ sich der Junge überreden. Er ging bei dem Meister in die Lehre und wurde ein so geschickter Dieb, dass vor ihm nichts mehr sicher war, was er erst einmal im Auge hatte.
Der zweite Bruder traf ebenfalls einen Mann, der ihn fragte, was er in der Welt lernen wolle.
, gestand er.
Der Junge ging darauf ein und wurde ein so meisterhafter Sterngucker, dass sein Lehrer ihm zum Abschied ein Fernrohr schenkte und sprach:
Den dritten Bruder nahm ein Jäger in die Lehre. Er unterrichtete ihn in allem, was zur Jagd gehört, so gründlich, dass der Junge ein hervorragender Jäger wurde. Zum Abschied schenkte ihm der Meister eine Büchse und versprach:
Der jüngste Bruder begegnete ebenfalls einem Mann, der ihn ansprach und nach seinen Plänen fragte.
, fragte der Mann.
, erwiderte der Junge.
, entgegnete der Mann,
Da ließ sich der Junge überzeugen, ging mit ihm und erlernte das Handwerk von der Pike auf. Zum Abschied gab ihm der Meister eine Nadel und sprach:
Die Prüfung des Vaters
Als die vier Jahre um waren, trafen sich die vier Brüder zur verabredeten Zeit an der Kreuzung wieder. Sie herzten und küssten sich und kehrten gemeinsam heim zu ihrem Vater.
, sprach dieser erfreut,
Sie erzählten ihm stolz, wie es ihnen ergangen war und was jeder gelernt hatte. Sie saßen gerade im Schatten eines großen Baumes vor dem Haus, als der Vater sagte:
Er blickte empor und sagte zum zweiten Sohn:
Der Sterngucker nahm sein Fernrohr, blickte hinauf und sagte:
Daraufhin sprach der Vater zum ältesten Sohn:
Der geschickte Dieb kletterte auf den Baum und entwendete dem Vöglein, das rein gar nichts davon bemerkte und ruhig sitzen blieb, die fünf Eier unter dem Leib weg. Er brachte sie dem Vater unbeschädigt hinab.
Der Vater nahm die Eier, legte an jede Ecke des Tisches eines und das fünfte in die Mitte. Dann sprach er zum Jäger:
Der Jäger legte seine Büchse an und schoss. Wie der Vater es verlangt hatte, traf er alle fünf Eier – und das mit nur einem einzigen Schuss.
, sagte der Vater schließlich zum vierten Sohn.
Der Schneider holte seine Nadel und nähte alles kunstvoll zusammen. Als er fertig war, musste der Dieb die Eier wieder hinauf auf den Baum tragen und sie dem Vogel unbemerkt ins Nest zurücklegen. Das Tierchen brütete sie zu Ende aus. Nach wenigen Tagen schlüpften die Jungen aus, und sie hatten alle dort, wo der Schneider sie zusammengenäht hatte, einen kleinen roten Streifen um den Hals.
, lobte der Vater seine Söhne,
Die Befreiung der Königstochter
Es dauerte nicht lange, da ging ein großer Aufschrei durch das Land: Die Königstochter war von einem schrecklichen Drachen entführt worden! Der König war Tag und Nacht in großer Sorge und ließ verkünden, dass derjenige, der sie wohlbehalten zurückbringe, sie zur Gemahlin erhalten solle.
Die vier Brüder sprachen zueinander:
Sie beschlossen, gemeinsam auszuziehen, um die Prinzessin zu retten.
, sagte der Sterngucker. Er blickte durch sein Fernrohr und rief:
Sie gingen zum König, baten um ein Schiff für ihre Reise und fuhren über das Meer bis zu dem Felsen.
Die Königstochter saß weinend auf dem Felsen, und der Drache lag in ihrem Schoß und schlief. Der Jäger flüsterte:
, sagte der Dieb. Er schlich sich lautlos heran und stahl die Königstochter so leise und flink unter dem Drachen weg, dass das Ungeheuer nichts merkte und einfach weiterschnarchte.
Voller Freude eilten sie mit ihr aufs Schiff und steuerten in die offene See. Doch als der Drache erwachte und merkte, dass die Prinzessin fort war, flog er ihnen wütend hinterher und schnaubte Feuer durch die Luft. Als er gerade über dem Schiff schwebte und sich herablassen wollte, legte der Jäger seine Büchse an und traf das Ungeheuer mitten ins Herz.
Das riesige Tier stürzte tot herab. Doch weil es so schwer und gewaltig war, zertrümmerte es im Sturz das gesamte Schiff. Die Gefährten konnten sich gerade noch an ein paar Brettern festhalten und trieben auf dem weiten Meer.
In dieser großen Not verlor der Schneider keine Zeit. Er nahm seine wunderbare Nadel, nähte die treibenden Bretter mit ein paar großen Stichen eilig zusammen, setzte sich darauf und sammelte alle schwimmenden Teile des Schiffes ein. Dann fügte er auch diese so geschickt zusammen, dass das Schiff nach kurzer Zeit wieder vollkommen segelfertig war und sie sicher nach Hause fahren konnten.
Der gerechte Lohn
Als der König seine Tochter unversehrt wiederfahnd, war die Freude grenzenlos. Er sprach zu den vier Brüdern:
Da entstand ein heftiger Streit unter den Brüdern, denn jeder erhob Anspruch: Der Sterngucker sprach:
Der Dieb entgegnete:
Der Jäger rief:
Der Schneider sprach schließlich:
Da traf der König eine weise Entscheidung:
Dieser Vorschlag gefiel den Brüdern sehr. Sie sprachen:
So erhielt jeder der Brüder ein halbes Königreich, und sie lebten gemeinsam mit ihrem Vater in großem Wohlstand und Zufriedenheit, solange es Gott gefiel.

