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Märchen lesen und erleben

Die vier kunstreichen Brüder

⏱ Lesedauer: ca. 9 Min.

Die vier Pfade an der Kreuzung

Es war einmal ein armer Mann, der hatte vier Söhne. Als sie heranwachsen waren, sprach er zu ihnen:

„Liebe Kinder, ihr müsst jetzt hinaus in die Welt. Ich habe nichts, das ich euch geben könnte. Macht euch auf, geht in die Fremde, lernt ein Handwerk und seht, wie ihr euch durchschlagt.“

Da ergriffen die vier Brüder den Wanderstab, nahmen Abschied von ihrem Vater und zogen gemeinsam zum Stadttor hinaus. Nachdem sie eine Zeit lang gewandert waren, kamen sie an eine Kreuzung, von der Wege in vier verschiedene Himmelsrichtungen führten. Da sprach der älteste Bruder:

„Hier müssen wir uns trennen. Aber heute in vier Jahren wollen wir uns an genau dieser Stelle wieder treffen und in der Zwischenzeit unser Glück versuchen.“

Die Erlernung der vier Künste

Jeder ging nun seinen eigenen Weg. Dem ältesten Bruder begegnete bald ein Mann, der ihn fragte, wohin er wolle und was er vorhabe.

„Ich möchte ein Handwerk lernen“

, antwortete er. Da sprach der Mann:

„Komm mit mir und werde ein Dieb.“

„Nein“

, entgegnete der Junge,

„das gilt nicht mehr als ehrliches Handwerk. Am Ende läuft es nur darauf hinaus, dass man am Galgen endet.“

„O“

, beruhigte ihn der Mann,

„vor dem Galgen brauchst du dich nicht zu fürchten. Ich bringe dir nur bei, wie du holst, was sonst kein Mensch bekommen kann, und wie dir niemand auf die Spur kommt.“

Da ließ sich der Junge überreden. Er ging bei dem Meister in die Lehre und wurde ein so geschickter Dieb, dass vor ihm nichts mehr sicher war, was er erst einmal im Auge hatte.

Der zweite Bruder traf ebenfalls einen Mann, der ihn fragte, was er in der Welt lernen wolle.

„Ich weiß es noch nicht“

, gestand er.

„Dann komm mit mir und werde ein Sterngucker. Es gibt nichts Besseres als das, denn einem bleibt nichts verborgen.“

Der Junge ging darauf ein und wurde ein so meisterhafter Sterngucker, dass sein Lehrer ihm zum Abschied ein Fernrohr schenkte und sprach:

„Damit kannst du alles sehen, was auf der Erde und am Himmel geschieht. Nichts kann sich vor dir verstecken.“

Den dritten Bruder nahm ein Jäger in die Lehre. Er unterrichtete ihn in allem, was zur Jagd gehört, so gründlich, dass der Junge ein hervorragender Jäger wurde. Zum Abschied schenkte ihm der Meister eine Büchse und versprach:

„Diese fehlte nie. Was du damit ins Visier nimmst, das triffst du mit absoluter Sicherheit.“

Der jüngste Bruder begegnete ebenfalls einem Mann, der ihn ansprach und nach seinen Plänen fragte.

„Hast du nicht Lust, Schneider zu werden?“

, fragte der Mann.

„Das wohl eher nicht“

, erwiderte der Junge.

„Das krumme Sitzen von morgens bis abends, das ständige Hin und Her mit der Nadel und das heiße Bügeleisen gefallen mir gar nicht.“

„Ach was“

, entgegnete der Mann,

„du verstehst das falsch. Bei mir lernst du eine ganz andere Schneiderkunst. Sie ist fein, anständig und zum Teil sogar sehr ehrenvoll.“

Da ließ sich der Junge überzeugen, ging mit ihm und erlernte das Handwerk von der Pike auf. Zum Abschied gab ihm der Meister eine Nadel und sprach:

„Damit kannst du alles zusammennähen, was dir unterkommt – sei es so weich wie ein Ei oder so hart wie Stahl. Es wird so fest zusammengefügt, dass keine Naht mehr zu sehen ist.“

Die Prüfung des Vaters

Als die vier Jahre um waren, trafen sich die vier Brüder zur verabredeten Zeit an der Kreuzung wieder. Sie herzten und küssten sich und kehrten gemeinsam heim zu ihrem Vater.

„Nun“

, sprach dieser erfreut,

„hat euch der Wind wieder zu mir geweht?“

Sie erzählten ihm stolz, wie es ihnen ergangen war und was jeder gelernt hatte. Sie saßen gerade im Schatten eines großen Baumes vor dem Haus, als der Vater sagte:

„Jetzt will ich euch auf die Probe stellen und sehen, was ihr wirklich könnt.“

Er blickte empor und sagte zum zweiten Sohn:

„Dort oben im Wipfel des Baumes sitzt zwischen zwei Ästen ein Buchfink in seinem Nest. Sag mir, wie viele Eier liegen darin?“

Der Sterngucker nahm sein Fernrohr, blickte hinauf und sagte:

„Es sind fünf.“

Daraufhin sprach der Vater zum ältesten Sohn:

„Hol du die Eier herunter, ohne dass der Vogel, der darauf sitzt und brütet, gestört wird.“

Der geschickte Dieb kletterte auf den Baum und entwendete dem Vöglein, das rein gar nichts davon bemerkte und ruhig sitzen blieb, die fünf Eier unter dem Leib weg. Er brachte sie dem Vater unbeschädigt hinab.

Der Vater nahm die Eier, legte an jede Ecke des Tisches eines und das fünfte in die Mitte. Dann sprach er zum Jäger:

„Du schießt mir jetzt mit einem einzigen Schuss alle fünf Eier genau in der Mitte entzwei.“

Der Jäger legte seine Büchse an und schoss. Wie der Vater es verlangt hatte, traf er alle fünf Eier – und das mit nur einem einzigen Schuss.

„Nun bist du an der Reihe“

, sagte der Vater schließlich zum vierten Sohn.

„Du nähst die Eier wieder zusammen und auch die jungen Vögelchen, die darin sind. Und zwar so, dass ihnen der Schuss nicht geschadet hat.“

Der Schneider holte seine Nadel und nähte alles kunstvoll zusammen. Als er fertig war, musste der Dieb die Eier wieder hinauf auf den Baum tragen und sie dem Vogel unbemerkt ins Nest zurücklegen. Das Tierchen brütete sie zu Ende aus. Nach wenigen Tagen schlüpften die Jungen aus, und sie hatten alle dort, wo der Schneider sie zusammengenäht hatte, einen kleinen roten Streifen um den Hals.

„Ja“

, lobte der Vater seine Söhne,

„ich muss euch über den grünen Klee loben! Ihr habt eure Zeit gut genutzt und etwas Ordentliches gelernt. Ich kann beim besten Willen nicht sagen, wer von euch der Beste ist. Sobald sich eine Gelegenheit bietet, eure Kunst zu beweisen, wird es sich zeigen.“

Die Befreiung der Königstochter

Es dauerte nicht lange, da ging ein großer Aufschrei durch das Land: Die Königstochter war von einem schrecklichen Drachen entführt worden! Der König war Tag und Nacht in großer Sorge und ließ verkünden, dass derjenige, der sie wohlbehalten zurückbringe, sie zur Gemahlin erhalten solle.

Die vier Brüder sprachen zueinander:

„Das ist die Gelegenheit, uns zu beweisen!“

Sie beschlossen, gemeinsam auszuziehen, um die Prinzessin zu retten.

„Wo sie ist, werde ich bald wissen“

, sagte der Sterngucker. Er blickte durch sein Fernrohr und rief:

„Ich sehe sie schon! Sie sitzt weit von hier auf einem Felsen mitten im Meer, und neben ihr liegt der Drache, der sie bewacht.“

Sie gingen zum König, baten um ein Schiff für ihre Reise und fuhren über das Meer bis zu dem Felsen.

Die Königstochter saß weinend auf dem Felsen, und der Drache lag in ihrem Schoß und schlief. Der Jäger flüsterte:

„Ich darf nicht schießen. Ich würde mit dem Drachen auch die schöne Jungfrau treffen.“

„Dann will ich mein Glück versuchen“

, sagte der Dieb. Er schlich sich lautlos heran und stahl die Königstochter so leise und flink unter dem Drachen weg, dass das Ungeheuer nichts merkte und einfach weiterschnarchte.

Voller Freude eilten sie mit ihr aufs Schiff und steuerten in die offene See. Doch als der Drache erwachte und merkte, dass die Prinzessin fort war, flog er ihnen wütend hinterher und schnaubte Feuer durch die Luft. Als er gerade über dem Schiff schwebte und sich herablassen wollte, legte der Jäger seine Büchse an und traf das Ungeheuer mitten ins Herz.

Das riesige Tier stürzte tot herab. Doch weil es so schwer und gewaltig war, zertrümmerte es im Sturz das gesamte Schiff. Die Gefährten konnten sich gerade noch an ein paar Brettern festhalten und trieben auf dem weiten Meer.

In dieser großen Not verlor der Schneider keine Zeit. Er nahm seine wunderbare Nadel, nähte die treibenden Bretter mit ein paar großen Stichen eilig zusammen, setzte sich darauf und sammelte alle schwimmenden Teile des Schiffes ein. Dann fügte er auch diese so geschickt zusammen, dass das Schiff nach kurzer Zeit wieder vollkommen segelfertig war und sie sicher nach Hause fahren konnten.

Der gerechte Lohn

Als der König seine Tochter unversehrt wiederfahnd, war die Freude grenzenlos. Er sprach zu den vier Brüdern:

„Einer von euch soll sie zur Gemahlin haben. Welcher das ist, müsst ihr untereinander ausmachen.“

Da entstand ein heftiger Streit unter den Brüdern, denn jeder erhob Anspruch: Der Sterngucker sprach:

„Hätte ich die Königstochter nicht entdeckt, wären all eure Künste umsonst gewesen. Darum gehört sie mir!“

Der Dieb entgegnete:

„Was hätte das Entdecken genützt, wenn ich sie nicht unter dem Drachen weggestohlen hätte? Darum gehört sie mir!“

Der Jäger rief:

„Ihr wärt doch samt der Königstochter von dem Ungeheuer zerrissen worden, wenn meine Kugel es nicht getroffen hätte. Darum gehört sie mir!“

Der Schneider sprach schließlich:

„Und hätte ich euch mit meiner Kunst das Schiff nicht wieder zusammengeflickt, wärt ihr alle jämmerlich ertrunken. Darum gehört sie mir!“

Da traf der König eine weise Entscheidung:

„Jeder von euch hat den gleichen Anteil an der Rettung. Da aber nicht jeder von euch die Prinzessin heiraten kann, soll sie keiner von euch bekommen. Stattdessen schenke ich jedem von euch als Belohnung ein halbes Königreich.“

Dieser Vorschlag gefiel den Brüdern sehr. Sie sprachen:

„Das ist besser, als wenn wir uns untereinander zerstreiten.“

So erhielt jeder der Brüder ein halbes Königreich, und sie lebten gemeinsam mit ihrem Vater in großem Wohlstand und Zufriedenheit, solange es Gott gefiel.