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Märchen lesen und erleben

Ferenand getrü und Ferenand ungetrü

⏱ Lesedauer: ca. 9 Min.

Der unheimliche Pate

Es waren einmal ein Mann und eine Frau. Solange sie reich waren, hatten sie keine Kinder; als sie aber arm wurden, bekamen sie einen kleinen Jungen. Sie konnten jedoch im ganzen Ort keinen Paten für das Kind finden. Da sprach der Mann, er wolle in ein anderes Dorf gehen und sehen, ob er dort jemanden fände.

Unterwegs begegnete ihm ein Bettler in ärmlicher Kleidung, der ihn fragte, wohin er wolle. Der Mann erzählte ihm, dass er einen Paten suche, da er so arm sei und niemand für sein Kind Gevatter stehen wolle.

„O“

, sagte der arme Mann,

„ihr seid arm, und ich bin es auch. Ich will euer Gevatter sein. Doch weil ich so arm bin und dem Kind nichts schenken kann, geht nach Hause und sagt der Hebamme, sie solle mit dem Säugling zur Kirche kommen.“

Als sie an der Kirche eintrafen, war der Bettler bereits dort und gab dem Knaben den Namen Ferdinand getreu.

Als sie aus der Kirche traten, sagte der Bettler:

„Nun geht heim. Ich kann euch nichts schenken, und ihr sollt mir auch nichts geben.“

Der Hebamme aber übergab er einen geheimnisvollen Schlüssel. Sie sollte ihn dem Vater des Jungen geben, damit er ihn sorgfältig aufbewahre. Wenn der Knabe vierzehn Jahre alt sei, solle er auf die Heide gehen. Dort würde ein Schloss stehen, zu dem der Schlüssel passe, und alles, was darin zu finden sei, solle ihm gehören.

Das Schloss auf der Heide

Als der Junge sieben Jahre alt und kräftig herangewachsen war, spielte er eines Tages mit anderen Jungen. Diese prahlten damit, was sie alles von ihren Paten geschenkt bekommen hatten. Der Junge aber konnte nichts vorweisen. Da wurde er traurig, ging weinend nach Hause und fragte seinen Vater:

„Habe ich denn gar nichts von meinem Paten bekommen?“

„O ja“

, antwortete der Vater,

„du hast einen Schlüssel bekommen. Wenn auf der Heide ein Schloss steht, so geh hin und schließe es auf.“

Der Junge lief auf die Heide, doch weit und breit war kein Schloss zu sehen.

Als er vierzehn Jahre alt war, ging er nochmals auf die Heide. Und siehe da, diesmal stand ein prächtiges Schloss dort. Er schloss das Tor auf, doch im Inneren fand er nichts als ein Pferd – einen strahlend weißen Schimmel. Der Junge war überglücklich, setzte sich auf das Pferd und ritt im Galopp nach Hause zu seinem Vater.

„Jetzt habe ich auch einen Schimmel!“

, rief er stolz.

„Nun will ich in die Welt hinausziehen.“

Die Feder und der Fisch

So ritt er fort. Unterwegs sah er eine schöne Schreibfeder auf dem Weg liegen. Zuerst wollte er sie aufheben, dachte dann aber:

„Ach, lass sie liegen. Du wirst an deinem Ziel gewiss eine Feder finden, wenn du eine brauchst.“

Doch im Weitergehen rief plötzlich eine Stimme hinter ihm:

„Ferdinand getreu, nimm sie mit!“

Er sah sich um, erblickte aber niemanden. Also wendete er sein Pferd, ging zurück und steckte die Feder ein.

Wenig später kam er an einem breiten Wasser vorbei. Am Ufer lag ein Fisch im Sand, der verzweifelt nach Luft schnappte. Da sprach Ferdinand:

„Warte, mein lieber Fisch, ich will dir helfen.“

Er ergriff ihn am Schwanz und warf ihn zurück ins rettende Nass. Der Fisch steckte den Kopf aus dem Wasser und rief ihm zu:

„Weil du mir aus der Not geholfen hast, schenke ich dir eine kleine Flöte. Wenn du jemals in Gefahr bist, so blase darauf, und ich werde dir helfen. Und solltest du einmal etwas im tiefen Wasser verlieren, so flöte nur, und ich bringe es dir herauf.“

Daraufhin setzte Ferdinand seinen Weg fort. Nach einer Weile gesellte sich ein Wanderer zu ihm, der ihn nach seinem Namen und Ziel fragte.

„Ich heiße Ferdinand getreu und reise in die nächste Stadt“

, antwortete er.

„Sieh an“

, sagte der Fremde,

„wir heißen ja fast gleich! Ich heiße Ferdinand ungetreu.“

Die beiden beschlossen, gemeinsam weiterzuziehen, und kehrten im nächsten Wirtshaus ein.

Der Dienst beim König

Nun hatte Ferdinand ungetreu jedoch eine böse Gabe: Durch dunkle Künste konnte er die Gedanken anderer lesen und wusste stets, was sie vorhatten. Im Wirtshaus arbeitete ein schönes, freundliches Mädchen. Sie verliebte sich in den stattlichen Ferdinand getreu und riet ihm:

„Bleib doch hier im Lande! Unser König sucht gerade einen Diener oder einen Vorreiter. Dort solltest du dich bewerben.“

Ferdinand getreu zögerte und meinte, er könne sich doch nicht einfach so beim König anbieten.

„Lass das nur meine Sorge sein“

, entgegnete das Mädchen. Sie ging sogleich zum König und empfahl ihm den jungen Mann.

Der König war einverstanden, wollte Ferdinand getreu jedoch als Diener einstellen. Dieser bat aber darum, lieber Vorreiter zu werden, da er sich nicht von seinem treuen Schimmel trennen wollte. So geschah es. Als Ferdinand ungetreu davon erfuhr, wurde er neidisch und drohte dem Mädchen:

„Du hast ihm geholfen, aber mir nicht?“

„Ich will dir auch helfen“

, antwortete das Mädchen rasch, denn sie wusste, dass man dem ungetreuen Ferdinand nicht trauen durfte. Sie empfahl ihn ebenfalls dem König, der ihn als Leibdiener einstellte.

Die Entführung der Prinzessin

Jeden Morgen, wenn Ferdinand ungetreu den König anzog, seufzte dieser schwer und klagte:

„Ach, wenn ich doch nur meine geliebte Prinzessin bei mir hätte!“

Aus Missgunst und Bosheit sprach Ferdinand ungetreu eines Tages zum Herrscher:

„Ihr habt doch den treuen Ferdinand, den Vorreiter. Schickt ihn los, er muss die Prinzessin herbeischaffen. Und wenn er es nicht schafft, solltet Ihr ihm den Kopf abschlagen lassen.“

Der König fand den Rat gut. Er ließ den Vorreiter rufen und befahl ihm unter Androhung des Todes, die ferne Prinzessin zu holen.

Ferdinand getreu ging tief betrübt in den Stall, umarmte seinen Schimmel und weinte:

„Ach, was bin ich für ein unglücklicher Mensch!“

Da sprach plötzlich eine Stimme:

„Ferdinand getreu, warum weinst du?“

Erschrocken sah er sich um, sah aber niemanden. Als er weiterklagte, rief es wieder:

„Ferdinand getreu, warum weinst du?“

Da begriff er, dass sein treuer Schimmel mit ihm sprach.

„Mein gutes Pferd, kannst du reden?“

, rief er aus.

„Ich soll die Braut des Königs aus weiter Ferne holen, doch ich weiß nicht wie.“

Der Schimmel antwortete:

„Geh zum König und verlange von ihm ein Schiff voller Fleisch und ein Schiff voller Brot. Dann wird das Vorhaben gelingen. Auf dem Meer hausen wilde Riesen; wenn du ihnen kein Fleisch gibst, zerreißen sie dich. Und am Schloss der Prinzessin warten riesige Vögel; wenn du kein Brot hast, hacken sie dir die Augen aus.“

Der König ließ sogleich alle Metzger im Land schlachten und alle Bäcker backen, bis die Schiffe beladen waren.

Ferdinand getreu stieg auf den Schimmel und ritt an Bord. Als die Riesen auf dem Meer das Schiff angriffen, rief er ihnen zu:

„Still, still, meine lieben Riesen, ich habe an euch gedacht, ich habe euch was mitgebracht!“

Er warf ihnen das Fleisch hin, und sie ließen sie friedlich passieren. Als sie sich dem Schloss näherten und die riesigen Vögel herbeiflogen, rief er:

„Still, still, meine lieben Vögel, ich habe an euch gedacht, ich habe euch was mitgebracht!“

Er fütterte sie mit dem Brot, und auch sie taten ihm nichts.

Die dankbaren Riesen halfen ihm nun. Ferdinand getreu ging mit ihnen ins Schloss, wo die Prinzessin tief schlafend in ihrem Gemach lag. Ohne sie zu wecken, hoben die Riesen die Prinzessin mitsamt ihrem Bett auf, trugen sie auf das Schiff und die Heimreise begann.

Die verlorene Schreibfeder

Als die Prinzessin vor den König trat, erklärte sie, dass sie nicht ohne ihre geheimen Urkunden leben könne, die noch in ihrem Schloss lägen. Wieder stiftete der ungetreue Ferdinand den König an, und dieser befahl Ferdinand getreu, die Papiere zu holen, sonst müsse er sterben.

Ferdinand getreu ging weinend zum Schimmel. Das treue Pferd riet ihm, die Schiffe erneut mit Fleisch und Brot zu beladen. Wieder besänftigte er die Riesen und Vögel. Am Schloss angekommen, betrat er das Schlafzimmer der Prinzessin, holte die Schriften vom Tisch und trat die Rückreise an. Auf dem Wasser passierte ihm jedoch ein Unglück: Die kostbare Schreibfeder, die er einst gefunden hatte, entglitt seiner Hand und sank in die Fluten.

„Hier kann ich dir nicht helfen“

, sagte der Schimmel. Da erinnerte sich Ferdinand an die Flöte des Fisches. Er blies kräftig hinein, und im selben Moment tauchte der Fisch auf, hielt die Feder im Maul und gab sie ihm zurück. Erleichtert brachte er dem König die Schriften.

Das Ende des Königs

Die Prinzessin mochte den König jedoch nicht, da er keine Nase hatte. Umso besser gefiel ihr der treue Ferdinand. Vor dem gesamten Hofstaat verkündete sie schließlich, sie besitze die Kunst, Köpfe abzuschlagen und wieder so aufzusetzen, dass der Mensch unversehrt weiterlebe. Sie fragte, wer sich für eine Probe zur Verfügung stellen wolle. Auf Betreiben des ungetreuen Ferdinands musste der treue Ferdinand vortreten. Die Prinzessin schlug ihm den Kopf ab und setzte ihn sogleich wieder auf. Die Wunde verheilte im Nu, und es blieb nur ein feiner roter Strich um seinen Hals zurück.

Als der König das sah, wollte er die Kunst ebenfalls an sich ausprobieren lassen. Die Prinzessin schlug ihm den Kopf ab, weigerte sich jedoch, ihn wieder aufzusetzen. Sie tat so, als wolle der Kopf einfach nicht mehr halten. Der König wurde begraben, und Ferdinand getreu heiratete die schöne Prinzessin und wurde der neue König des Landes.

Ferdinand ritt weiterhin treu seinen Schimmel. Eines Tages bat ihn das Pferd, auf eine entlegene Heide zu reiten und dort dreimal mit ihm im Kreis zu galoppieren. Als Ferdinand dies tat, stieg der Schimmel auf die Hinterbeine und verwandelte sich in einen edlen Königsohn, der von einem bösen Zauber erlöst worden war.