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Märchenstern - Märchen lesen und erleben
Märchen lesen und erleben

Vom klugen Schneiderlein

⏱ Lesedauer: ca. 6 Min.

Die stolze Prinzessin und ihre Rätsel

Es war einmal eine Prinzessin, die war gewaltig stolz. Kam ein Freier, so gab sie ihm ein Rätsel auf. Konnte er es nicht erraten, wurde er mit Spott fortgeschickt. Sie ließ auch bekannt machen, wer ihr Rätsel löse, solle sich mit ihr vermählen, und es dürfe kommen, wer wolle.

Schließlich fanden sich auch drei Schneider zusammen. Die zwei ältesten meinten, sie hätten schon so manchen feinen Stich getan und würden die Sache sicher treffen; da könne es ihnen auch hier nicht misslingen. Der dritte war ein kleiner, leichtsinniger Springinsfeld, der nicht einmal sein Handwerk richtig verstand. Er meinte jedoch, er müsse dabei einfach Glück haben, denn woher sollte es ihm sonst kommen?

Da sprachen die zwei anderen zu ihm:

„Bleib nur zu Haus, du wirst mit deinem bisschen Verstand nicht weit kommen.“

Das Schneiderlein ließ sich aber nicht beirren. Es sagte, es habe nun einmal seinen Kopf darauf gesetzt und werde sich schon zu helfen wissen. So ging es los, als gehörte ihm die ganze Welt.

Das Haarrätsel

Die drei Schneider meldeten sich bei der Prinzessin und baten sie, ihnen ihre Rätsel vorzulegen. Sie sagten, es seien nun die rechten Leute angekommen, die einen so feinen Verstand besäßen, dass man ihn wohl in eine Nadel fädeln könne.

Da sprach die Prinzessin:

„Ich habe zweierlei Haar auf dem Kopf. Von was für Farben sind diese?“

„Wenn es weiter nichts ist“

, sagte der erste,

„es wird schwarz und weiß sein, wie das Tuch, das man Kümmel und Salz nennt.“

Die Prinzessin sprach:

„Falsch geraten! Antworte der zweite.“

Da sagte der zweite:

„Ist es nicht schwarz und weiß, so ist es braun und rot, wie meines Herrn Vaters Bratenrock.“

„Falsch geraten!“

, sagte die Prinzessin.

„Antworte der dritte. Dem sehe ich es an, der weiß es sicherlich.“

Da trat das Schneiderlein keck hervor und sprach:

„Die Prinzessin hat ein silbernes und ein goldenes Haar auf dem Kopf, und das sind die zweierlei Farben.“

Als die Prinzessin das hörte, wurde sie blass und wäre vor Schrecken beinahe hingefallen. Das Schneiderlein hatte das Rätsel gelöst, obwohl sie fest geglaubt hatte, das würde kein Mensch auf der Welt herausfinden.

Die Nacht beim Bären

Als sie wieder zu sich kam, sprach sie:

„Damit hast du mich noch nicht gewonnen. Du musst noch eine Aufgabe erfüllen: Unten im Stall liegt ein Bär, bei dem sollst du die Nacht verbringen. Wenn ich morgen früh aufstehe und du bist noch am Leben, so sollst du mich heiraten.“

Sie dachte, sie würde das Schneiderlein auf diese Weise loswerden, denn der Bär hatte noch keinen Menschen lebendig gelassen, der ihm unter die Tatzen gekommen war.

Das Schneiderlein ließ sich jedoch nicht abschrecken, war ganz vergnügt und sprach:

„Frisch gewagt ist halb gewonnen!“

Als nun der Abend kam, wurde das Schneiderlein hinunter zum Bären gebracht. Der Bär wollte auch sogleich auf den kleinen Kerl losgehen und ihn mit seiner Tatze begrüßen.

„Sachte, sachte“

, sprach das Schneiderlein,

„ich will dich schon zur Ruhe bringen.“

Da holte es ganz gemächlich, als hätte es keine Sorgen, Walnüsse aus der Tasche, biss sie auf und aß die Kerne. Als der Bär das sah, bekam er Appetit und wollte auch Nüsse haben. Das Schneiderlein griff in die Tasche und reichte ihm eine Handvoll. Es waren aber keine Nüsse, sondern Kieselsteine.

Der Bär steckte sie ins Maul, konnte sie aber nicht aufbeißen, so sehr er sich auch anstrengte.

„Ei“

, dachte er,

„was bist du für ein dummer Klotz! Kannst nicht einmal die Nüsse aufbeißen.“

Er sprach zum Schneiderlein:

„Beiß mir doch die Nüsse auf.“

„Da siehst du, was du für ein Kerl bist“

, sprach das Schneiderlein.

„Hast so ein großes Maul und kannst die kleine Nuss nicht knacken!“

Schnell nahm es die Steine zurück, steckte sich flink eine echte Nuss in den Mund und – knack! – war sie entzwei.

„Ich muss das Ding noch einmal probieren“

, sprach der Bär,

„wenn ich es so ansehe, meine ich, ich müsste es auch können.“

Da gab ihm das Schneiderlein abermals Kieselsteine, und der Bär arbeitete und biss aus allen Leibeskräften darauf herum. Doch er konnte sie natürlich nicht zerbeißen.

Die Geigenstunde im Stall

Als das vorbei war, holte das Schneiderlein eine Geige unter seinem Rock hervor und spielte ein Stückchen. Als der Bär die Musik hörte, konnte er nicht widerstehen und fing an zu tanzen. Nach einer Weile gefiel ihm das Spiel so gut, dass er zum Schneiderlein sprach:

„Sag, ist das Geigenspielen schwer?“

„Kinderleicht! Siehst du, mit der linken Hand lege ich die Finger auf, und mit der rechten streiche ich mit dem Bogen darauf los. Da geht es lustig: hopsasa, vivallalera!“

„So zu geigen“

, sprach der Bär,

„das möchte ich auch lernen, damit ich tanzen kann, sooft ich Lust habe. Was meinst du? Willst du mir Unterricht geben?“

„Von Herzen gern“

, sagte das Schneiderlein,

„wenn du Geschick dazu hast. Aber zeig erst einmal deine Tatzen her. Die sind gewaltig lang, ich muss dir die Nägel ein wenig kürzen.“

Da wurde ein Schraubstock herbeigeholt. Der Bär legte seine Tatzen darauf, das Schneiderlein schraubte sie fest und sprach:

„Nun warte, bis ich mit der Schere komme.“

Er ließ den Bären brummen, so viel er wollte, legte sich in die Ecke auf ein Bund Stroh und schlief friedlich ein.

Die Hochzeitsfahrt und das glückliche Ende

Als die Prinzessin am Abend den Bären so gewaltig brummen hörte, glaubte sie fest, er tue dies vor Freude, weil er dem Schneiderlein den Garaus gemacht habe. Am Morgen stand sie ganz unbesorgt und fröhlich auf. Als sie aber zum Stall blickte, stand das Schneiderlein munter davor und war gesund wie ein Fisch im Wasser.

Da konnte sie nichts mehr gegen die Hochzeit einwenden, da sie ihr Versprechen öffentlich gegeben hatte. Der König ließ einen Wagen kommen, und sie musste mit dem Schneiderlein zur Kirche fahren, um vermählt zu werden.

Als sie eingestiegen waren, gingen die beiden anderen Schneider, die ein falsches Herz hatten und ihm sein Glück neideten, in den Stall und schraubten den Bären los. Der Bär rannte in voller Wut hinter dem Wagen her. Die Prinzessin hörte ihn schnauben und brummen. Ihr wurde angst, und sie rief:

„Ach, der Bär ist hinter uns her und will dich holen!“

Das Schneiderlein war flink, stellte sich auf den Kopf, streckte die Beine zum Wagenfenster hinaus und rief:

„Siehst du den Schraubstock? Wenn du nicht sofort umkehrst, sollst du wieder hinein!“

Als der Bär das sah, drehte er um und lief eilig fort. Das Schneiderlein fuhr ruhig weiter zur Kirche. Die Prinzessin wurde ihm angetraut, und er lebte mit ihr so vergnügt wie eine Heidelerche. Wer es nicht glaubt, bezahlt einen Taler.